Achter Rundbrief aus Bolivien

Achter Rundbrief aus Bolivien

Ostern auf bolivianisch

Wie versprochen melde ich mich nach Ostern und allen Feierlichkeiten nochmal, um euch daheim ein wenig zu berichten, wie ich die Karwoche und Ostern hier erlebt habe.

Um das Mal vorweg zu nehmen: hier in Bolivien wird Ostern deutlich ausschweifender und aufwendiger gefeiert als zum Beispiel Weihnachten. Begonnen wurde mit diesen besonderen Feierlichkeiten am Palmsonntag:

Pünktlich zum Messbeginn gab es eine kleine Prozession. Natürlich mit mitgebrachten Palmzweigen. An unserem Ziel angekommen wurden Gebete gesprochen, ein wenig gesungen und eine Lesung gelesen. Danach ging es wieder zurück in die Kirche und weiter mit der normalen Messe.

Als nächstes größeres Osterevent kam dann der Gründonnerstag. Der begann natürlich (wie bei uns auch) mit einer Messe und dem traditionellen Waschen der Füße. Danach ging es dann wieder raus. Diesmal zu einer großen Prozession, an der gefühlt wirklich ganz San Ignacio teilgenommen hat.

Bei diesen Prozessionen, die es in der Karwoche öfter gibt, gibt es hier in San Ignacio vier Stationen, an denen jeweils aufwendig ein Pavillon aufgebaut wurde. Dorthin zieht dann die Menschenmenge – angeführt von lebensgroßen Holzfiguren, die Maria und Jesus darstellen, riesigen (und bestimmt tonnenschweren) Kreuzen und begleitet von Musik und Gebeten.

Die ganze Atmosphäre dabei kann man gar nicht richtig in Worte fassen. Es ist unglaublich beeindruckend und auf eine gewisse Art und Weise unglaublich besinnlich, aber trotzdem aufregend und natürlich im angemessenen Maße bolivianisch-chaotisch.

Das ganze perfektionierte dann gerade am Gründonnerstag das Wetter. Kurz vor der dritten Station fing es nämlich auf einmal und aus heiterem Himmel an, in Strömen zu regnen. Da wird man dann doch nochmal dran erinnert, dass die Regenzeit noch nicht ganz vorbei ist – im Gegensatz zu der Prozession in dem Moment. Mit dem ersten Tropfen teilte sich die Menschenmasse in der Mitte und alle strömten auf die überdachten Bürgersteige und quetschten sich mit möglichst vielen Personen unter die Dächer. Währenddessen rannten die Träger mit ihren Figuren zurück in Richtung Kathedrale, um zu retten, was noch zu retten war.

Nach einiger Zeit beschlossen dann auch schon die ersten, dass der Regen wohl so schnell nicht mehr aufhören würde, womit sie auch Recht behalten sollten. Also ging es für alle früher oder später durch den Regen nach Hause. Die Straßen hatten sich mittlerweile in knietiefe, fast schon reißende Flüsse verwandelt, aber was bleibt einem anderes übrig?

Also ging es ab nach Hause, schnell noch unter die Dusche und dann ab ins Bett. Am Freitag klingelte nämlich schon um 4 Uhr der Wecker.

Am Karfreitag stand dann natürlich der Kreuzweg an. Die Steyler Pfarre hier im Dorf trifft sich dazu um 5 Uhr morgens und geht dann gemeinsam bis zu einer Kapelle, die zwischen San Ignacio und dem Nachbardorf San Miguel liegt. Auf dem Weg stehen dann am Straßenrand große Kreuze, an denen jeweils die Stationen vorgelesen werden. Im Grunde genommen also ein ganz normaler Kreuzweg, nur mit ein bisschen mehr Fußweg, als zu Hause einmal durch die Kirche zu gehen.

An der Kapelle angekommen, entlohnt einen dann aber der wunderbare Ausblick über ganz San Ignacio, da das letzte Stück einen auf einen Hügel hinaufführt. Nach der kurzen Belohnung ging es dann aber auch recht zügig wieder zurück nach Hause und zum Frühstück.

Am Samstag gab es dann natürlich auch noch die Osternacht, die sich aber nicht wirklich von unserer Osternacht zu Hause unterscheidet, bis auf ein kleines Detail: nach der Messe findet ein „Wettrennen“ zwischen einer Jesusfigur und einer Marienfigur statt. Mit dem Ende des Gottesdienstes strömen alle aus der Kathedrale und noch bevor alle aus der Türe raus sind, rennen die beiden Gruppen mit ihren Figuren los. Den genauen Zweck dahinter konnte uns leider keiner so 100%ig erklären, aber für die Interessierten: in diesem Jahr haben in San Ignacio die Frauen mit der Marienfigur gewonnen, nachdem der Jesus nur knapp einem dramatischen Sturz entgangen ist.

Der Sonntag wurde dann eher ruhig verbracht und am Montag hatten die Mädels und Jungs dann auch schon wieder Schule, der Ostermontag ist hier nämlich kein Feiertag. Und damit war dann Ostern auch schon wieder vorbei – und das ohne auch nur ein einziges buntes Ei. Das Eierfärben haben wir nämlich leider vergessen – im nächsten Jahr dann wieder.

So, damit bin ich auch schon wieder am Ende angelangt. Ich hoffe, ihr daheim habt auch alle schöne Ostern mit mehr Ostereiern als wir hatten verbracht und genießt jetzt den Frühlingsanfang und die ersten warmen Tage.

Liebe Grüße aus dem fernen Bolivien,

eure Julia