Kategorie-Archiv: Steyler Missionare

Letzter Rundbrief aus Bolivien

Ein letztes Mal Fiesta, viele kleine Abschiede und ein großes Dankeschön

Hallo ihr Lieben,

ein letztes Mal schreibe ich euch einen Rundbrief und dieses Mal schon nicht mehr aus Bolivien.

Seit nun schon ein bisschen mehr als einer Woche bin ich wieder in Deutschland. Meine Zeit als MaZ im Einsatz ist damit also schon vorbei. Mittlerweile sind sogar schon unsere beiden Nachfolgerinnen in den Internaten angekommen und haben sich schon ein bisschen eingelebt.

Meine letzten Tage in Bolivien habe ich natürlich in vollen Zügen genossen. Und auch wenn der Abschied mir sehr schwer fiel und sehr tränenreich war, bin ich doch gut wieder im guten alten Kaldenkirchen angekommen.

Zu guter Letzt möchte ich noch eine große Kleinigkeit loswerden, nämlich DANKE!

Vielen lieben dank erstmal an alle, die mich und das Steyler MaZ-Projekt finanziell unterstützt haben und so fleißig meinen Solifonds gefüllt haben.

Vielen Dank an meine Familie, die das ganze Jahr über hinter mir stand und mir in Gedanken immer ganz nahe war.

Vielen Dank an meine „Ziemlich besten Freunde“, die mich auch in der Ferne an unserem Alltag teilhaben lassen haben und weil sie einfach so sind, wie sie sind und mir damit immer ein Stück Heimat hergezaubert haben.

Vielen Dank auch an alle anderen, die in diesem Jahr über die verschiedensten Wege der Kommunikation ein offenes Ohr für mich hatten oder einfach von zu Hause berichtet haben.

Vielen Dank an den Clemensboten und den Pfarrgemeinderat der Pfarre St. Clemens, die fleißig meine Rundbriefe und Berichte veröffentlicht haben.

Vielen Dank an alle Steyler, die uns in diesem Jahr auf unserem Weg begegnet sind und immer eine offene Tür, ein Dach über dem Kopf, einen offenen Kühlschrank, aber vor allem ein offenes Herz für uns hatten.

Vielen Dank an das Steyler MaZ-Team, das das Alles so liebevoll möglich gemacht hat und bei denen ich immer viel Verständnis und Hilfsbereitschaft gefunden habe.

Vielen Dank an meine Mit-MaZler in der ganzen Welt, die mich, auch wenn tausende Kilometer zwischen uns lagen, auf eine ganz andere Art und Weise verstanden haben und die Welt mit anderen Augen sehen.

Und zum Abschluss ein ganz besonderer Dank euch allen, die ihr meine Rundbriefe fleißig gelesen und verfolgt habt, denen keine Seite zu viel war, von all dem, was ich zu virtuellem Papier gebracht habe und vor allem denen, die mir immer wieder darauf geantwortet haben! Ich habe mich über all eure Reaktionen wirklich gefreut! Das war nun das letzte Mal, das  „Neues aus Bolivien“ in eurem Posteingang erscheint!

Vielen Dank für ein wunderbares Jahr!

Eure Julia

Zwölfter Rundbrief aus Bolivien

Zwölfter Rundbrief aus Bolivien

Auf der Steyler Farm und San Ignacios Jahrestag

Hallo Ihr Lieben,

wie ich in meinem letzten Rundbrief angedeutet habe, hatten hier die Schülerinnen und Schüler gerade zwei Wochen Winterferien. In der ersten Woche der beiden waren die Casas allerdings noch nicht ganz leer. Jedes Haus wurde in zwei Gruppen unterteilt und hat jeweils drei Tage in der Casa verbracht.

In den drei Tagen wurde natürlich ein bisschen im Haus gearbeitet. Aber auch auf der Steyler Farm mitangepackt.

Die Steyler Farm, die hier Alle nur Estancia nennen, befindet sich circa eine Stunde mit dem Auto durch Wald, Feld und kleine Dörfer von San Ignacio entfernt. Dort haben die Mädels und Jungs eine Art Feld, auf dem sie fleißig mithelfen sollen, um früher oder später von den Früchten der eigenen Arbeit (zumindest teilweise) zu leben. Damit das in Zukunft einfacher möglich ist, haben die Steyler ein kleines Haus mit einigen Zimmern gebaut, in dem die Mädchen und Jungs unterkommen können, wenn es zum Arbeiten auf die Estancia geht.

Bolivien53Mit der ersten Gruppe ging es also los – für zwei Tage und eine Nacht auf die Estancia. Da das Haus ganz neu ist, musste natürlich alles mitgenommen werden. Angefangen bei Klamotten und Dingen des persönlichen Bedarfs, über Geschirr und Töpfe, bis hin zu Matratzen und natürlich Verpflegung für zwei Tage. Stilecht bolivianisch passt das und alle Passagiere natürlich in, an und auf zwei Geländewagen.  Dann ging es los. Die erste Gruppe vor Ort beschäftigte sich noch hauptsächlich mit Putzarbeiten rund um das Haus. Die drei folgenden Gruppen der nächsten Tage mussten dann aber mit  Arbeiten wie Streichen der Duschen und Bäder, Lackieren der Türen, dem Bau eines Volleyballfeldes und eben auf dem Feld richtig anpacken.

Bolivien54Für mich hatte das ganze eher den Charakter eines Abenteuerausfluges. Zumindest ein wenig. So genießen wir hier in der Casa zum Beispiel doch den Luxus eines Gasherdes. Auf der Estancia wird aber noch richtig auf Feuer in der Freiluftküche gekocht. Das ganze bereitete mir dann doch ein bisschen mehr Schwierigkeiten als gedacht. Aber zum Glück hatte ich ja immer eines der Mädels an meiner Seite, die mir da mit Tatkraft und Fachwissen zur Seite standen. Am Ende glückte uns dann gemeinsam doch jedes Mittag- und Abendessen.

Am Abend wurde dann gemeinsam am Lagerfeuer entspannt. Bei Kartoffeln und Chickenwings frisch aus dem Feuer wurde, teilweise bis zu später Stunde, noch gequatscht, gealbert und erzählt.

Bolivien55Zurück in der Casa gab es aber natürlich auch noch einiges zu tun. Auch hier wurden alle Zimmertüren neu lackiert, viel geputzt und aufgeräumt oder einfach in Ordnung gebracht. Einige der Mädels beschäftigten sich auch mit Nähen und fertigten in der Zeit viele Topflappen an, die verkauft werden und deren Erlös natürlich der Casa zukommt.

Ich habe in der Zeit auch wieder die meiste Zeit in der Küche verbracht und mich insgeheim das erste Mal über unseren alten und eigenwilligen Gasherd gefreut.

Bolivien56Nebenbei ging es dann auch ein wenig ans Rucksack packen. In der zweiten  Ferienwoche ging es nämlich für die Mädchen nach Hause und für Elli und mich in den Urlaub. Diesmal konzentrierten wir uns auf unserer Reise ganz auf Bolivien und besuchten fast ausschließlich das Hochland und lernten so ein ganz anderes Gesicht von Bolivien kennen. Von Potosi ging es für uns nach La Paz, von dort zum Titicacasee und zu guter Letzt drei Tage lang durch die Uyuniwüste.

Nach zwei dann doch anstrengenden Wochen kamen wir dann am Sonntag wieder in San Ignacio an. Diesmal jedoch mit dem Wissen: jetzt bleiben uns noch genau 14 Tage an diesem Ort. Diese galt und gilt es natürlich voll auszunutzen. Zum Glück spielt uns das Schicksal mal wieder ein bisschen in die Hände und es gab und gibt noch einiges zu erleben.

Bolivien57Nach einer Schulwoche voller Alltag und ersten Vermissensbekundungen war dieses Wochenende das Patrozinium von unserem Heimatstädtchen San Ignacio de Velasco. Wie Alles hier wurde dieses Fest natürlich groß gefeiert. Schon seit Montag gab es zum Beispiel jeden Abend eine Rosenkranzandacht und kleine Messe zu Ehren des hl. Ignatius, um sich auch geistlich voll auf das Wochenende einzustimmen. Die ganze Woche war dann schon gespickt von Vorbereitungen und Plänen, um am Wochenende zu feiern.

Für mich begann das richtige Fest dann eigentlich am Freitagnachmittag. Da ging es (statt Unterricht) mit meinem Kurs aus dem FASSIV auf die Plaza. Begleitet wurden wir auch noch von zwei anderen Kursen.

Bolivien58Gemeinsam ging es dann zu Fuß ins Zentrum. Hier war zwar noch nicht viel los, aber die ersten Stände, die Schmuck, Bücher, Kinderspielzeug, Kuscheltiere und Co. verkauften, waren schon aufgebaut. Nach ausgiebigem Angucken gab es dann für jedes Kind Kaugummi aus dem Kaugummiautomaten (was ein echtes Highlight war) und eine kleine Überraschung aus dem Lostopf. Dabei konnten die meisten ihr Glück schon kaum fassen. Begeistert wurden die Ohrringe, Ketten und Armbänder angelegt und stolz präsentiert. Als kleines I-Tüpfelchen  gab es dann von einem Eismann auch noch einige Eis ausgegeben, die natürlich brüderlich geteilt wurden.

Danach ging es noch eine Weile in die Kathedrale, in der gerade das FASSIV Orchester für das Konzert am Abend probte. Nach einiger Zeit des Lauschens ging es dann auch schon wieder zurück ins FASSIV und der Schultag war beendet.

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Gerade solche kleinen Ausflüge zeichnen für mich die Arbeit im und mit dem FASSIV und die Besonderheit dieser Institution aus. Denn auch wenn San Ignacio eine der wenigen Städte Boliviens ist, die durch den Einfluss des FASSIV einen recht offenen Umgang mit Menschen mit Handicap oder Behinderung pflegt, nehmen viele Eltern ihre Kinder nicht mit in die Öffentlichkeit, sei es aus Scham, Desinteresse oder einfach aus Bequemlichkeit. Gerade da knüpft das FASSIV mit seinen Lehrerinnen und Therapeutinnen an. Durch einfache Präsenz zum Beispiel auf der Plaza wird auf beiden Seiten sensibilisiert. Der Umgang der Menschen mit diesen Kindern ändert sich und auch die Kinder nehmen was mit. Sie kommen mal raus, haben riesig viel Spaß und lernen, wie sie sich in der Öffentlichkeit verhalten sollten. Gerade weil einige Kinder, um im FASSIV gefördert zu werden, nicht bei ihren Eltern und Familien wohnen, ersetzen solche Aktivitäten natürlich auch ein bisschen das Familienleben, was viele Kinder wirklich stark vermissen.

Mit den Feierlichkeiten in San Ignacio ging es für mich dann am Samstagabend weiter. In der Stadt wurde gefeiert. Mit Live-Musik, Talentwettbewerb, Krönung der Königin des Festes, Orchestermusik und natürlich mit einem großen Feuerwerk um 00:00.

Bolivien60Am Sonntag ging es dann weiter mit der Messe. Wie in San Juan (aus meinem letzten Rundbrief) gab es hier zum Patrozinium natürlich auch die Heiligenverehrung, bei der die Heiligenfigur in einer Prozession nach der Messe durch die Stadt getragen wurde. Das ist jedes Mal wieder ein riesiges Spektakel mit Blasmusik und allem was dazu gehört, an dem wahnsinnig viele Leute teilnehmen.

Damit liegt unser vorletztes Fest und Wochenende hier in San Ignacio dann jetzt auch schon hinter uns.

Vor uns liegt nun eine Woche voller letzter Male und Verabschiedungen, die mit Sicherheit schwer wird, die ich aber auf jeden Fall noch in vollen Zügen genießen will. Gleichzeitig wächst aber auch die Vorfreude auf alles und alle zu Hause immer mehr. So kann ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die Zeit, die hinter mir liegt, auf die Zeit, die mir noch bleibt und auf die Zeit, die danach kommt schauen und mein Da-Sein einfach ein bisschen genießen.

In wenigen Tagen werde ich mich dann mit einem letzten Brief aus Bolivien melden, bevor wir uns in Deutschland wiedersehen!

 Bis dahin, liebste Grüße aus Bolivien,

 Eure Julia

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Elfter Rundbrief aus Bolivien

Elfter Rundbrief aus Bolivien

Tanta fe, tanto amor, tanta lucha – Patrozinium in San Juan

So viel Glaube, so viel Liebe so viel Kampf…

so könnte man meine Überschrift ungefähr ins Deutsche übersetzen und es geht dabei natürlich mal wieder um ein Fest, nämlich diesmal um den Johannistag, der ja gerade erst hinter uns liegt.

Wir hatten die Möglichkeit, dieses Fest nicht in San Ignacio, sondern in San Juan (St. Johannes) verbringen zu dürfen. San Juan liegt etwa 100 Kilometer von San Ignacio entfernt und gehört zu  San Miguel, und ist damit eine der Steyler Gemeinden hier.

In San Juan gab es deshalb natürlich nicht nur die normalen Feierlichkeiten, sondern es wurde überall noch eine Schippe drauf gelegt, um Johannes als Namenspatron des Dorfes auch gebührend zu feiern, aber mal von vorne:

Bolivien48Am Donnerstagmorgen machten Elli und ich uns auf den Weg nach San Miguel, wo wir von den Steyler Padres freundlich empfangen wurden. Nach kurzem Mitbringsel-für-zu-Hause-shoppen ging es dann mit Padre Alfonso auch sofort weiter. Natürlich stilecht bolivianisch im Geländewagen mit 8 Leuten bei 5 Sitzplätzen. Zumindest war das der Plan. Noch viel stilechter bolivianisch waren nämlich eine Stunde nach geplanter Abfahrtszeit genau 2 von 5 Leuten gekommen. Glück für uns, so hatten immerhin alle ihren Sitzplatz und keiner musste auf der Ladefläche mitfahren.

Nach 1,5 Stunden durch die bolivianische Natur, vorbei an Kühen und noch mehr Kühen, kamen wir endlich in San Juan an.

San Juan ist ein schon fast großes Dorf mit ungefähr 1000 Einwohnern, eigener Schule und recht großem Hauptplatz, an dessen Spitze, wie immer hier in der Chiquitanía, die Kirche liegt.

Gerade aus dem Auto ausgestiegen, wurden wir als Anhängsel vom Padre überschwänglich begrüßt und nach kurzer Pause direkt zum Mittagessen bestellt.

Da zur Feier des Tages natürlich frisch geschlachtet worden war und man ja nicht alle Tage den Padre im Haus hat, gab es natürlich Fleisch. Viel Fleisch.

Nach dem Mittagessen ging es dann direkt weiter in ein kleines und beschauliches Nachbardorf, wo wir uns gemeinsam die gerade neu errichtete Kirche anschauen konnten.

Bolivien49Wieder zurück in San Juan, war ein Teil der Feierlichkeiten schon in vollem Gange. Alle paar Stunden zieht nämlich der Cabildo (eine Art Stadtrat) mit traditioneller Musik zur Kreuzverehrung um die Plaza. Dieser Mini-Umzug endet dabei jedes Mal vor der Heiligenstatue vor der Kirche. Dort wird dann jedes Mal von einem anderen Mitglied ein Teil der Festansprache gelesen beziehungsweise gesungen. Diese Festansprachen sind natürlich auf Chiquitano, der Sprache, die in diesem Teil Boliviens vor dem Spanisch gesprochen wurde, die aber heute leider kaum noch einer der Einwohner richtig versteht, geschweige denn sprechen kann. Nach der Ansprache und einer weiteren Runde des Cabildos um die Plaza geht es dann auf eine kleine Erfrischung zu einem der Mitglieder – auch dabei wird sich natürlich abgewechselt.

Am Abend ging es dann mit den Feierlichkeiten richtig los. Alle hatten den ganzen Tag gearbeitet, sodass die Kirche nicht nur sauber, sondern auch mit vielen Tüchern und Luftballons geschmückt war. Vor der Kirche brannte schon das Holz (warum erfahrt ihr gleich noch), die Bühne für die Live-Band war aufgebaut und die Kinder, die in dieser Nacht getauft werden sollten, steckten in ihren schicksten weißen Kleidern und Anzügen.

Natürlich wurde gemeinsam mit einer Messe begonnen, die mit der Taufe der Kinder endete.

Danach ging es raus auf die Plaza. Bei bolivianisch-winterlichen Temperaturen wurde mit Live-Musik und viel Essen und Trinken gemeinsam auf den Beginn des neuen Tages und damit auf das eigentliche Fest des Patroziniums gewartet. Dazu wurden alle Bänke aus der Kirche getragen und um das mittlerweile nicht mehr allzu große Feuer gestellt, damit auch möglichst viele Leute Platz haben.

Bolivien50Einige Minuten vor 0:00 Uhr wurden dann so langsam alle nervös. Der Cabildo sperrte das Feuer ab und die ersten Schuhe wurden ausgezogen und Hosen hochgekrempelt – Alles Vorbereitungen für die Hauptattraktion dieses Festes: an San Juan wird nämlich über Feuer, beziehungsweise eher die Glut gelaufen. Mitmachen kann dabei jeder, der möchte und wer dabei genug Glaube, Liebe und Kampfgeist mitbringt, bleibt (zumindest der Theorie nach) von bösen Verbrennungen verschont.

Ein bisschen rationaler liegt es wohl hauptsächlich an der Beschaffenheit der Glut, ob problemloses drüber Laufen möglich ist.

Bolivien51In diesem Jahr hat der Cabildo aber zumindest in San Juan gute Arbeit geleistet, sodass pünktlich um 12 die ersten Wagemutigen über die Glut steigen konnten. Insgesamt trauten sich geschätzte 50 Personen, von denen sich (zumindest offensichtlich) kaum einer ernsthaft verbrannt hat. Im Blitzlichtgewitter des Feuerwerks, das natürlich auch zu Ehren des Patrons organisiert wurde, konnte man gespannt dabei zuschauen, wie Einer nach dem Anderen (manch Einer mehr, manch Einer weniger) gemütlich durch die Glut lief. Danach wurde bis spät in die Nacht getanzt.

Am nächsten Morgen ging es natürlich mit einer Messe weiter, an der (nach der langen Feier am Vorabend) erwartungsgemäß nicht mehr so viele Leute teilnahmen. Zuvor musste die Gemeinde aber wegen eines etwas späten Frühstücks des Padres und seiner Gäste (also uns) und einer noch nicht fertig frisierten Braut ein bisschen Geduld beweisen, was hier aber sowieso mehr Gewohnheit, als Besonderheit ist. Gerade wenn es um den Anfang der Messe geht.

Irgendwann hatten sich dann aber alle eingefunden und es konnte das Hochamt und die Trauung zweier Paare gefeiert werden. Danach gab es nochmal eine Prozession und natürlich eine weitere, lange Festansprache auf Chiquitano. Und nach allen offiziellen Feierlichkeiten wurde natürlich gegessen.

Zur Feier des Tages wurden dazu alle Bewohner und Gäste vom Cabildo eingeladen. Natürlich gab es in erster Linie Fleisch, dazu aber auch Reis und Kartoffeln.

Zuerst wurde das ganze Essen aber in riesigen Töpfen auf einen Geländewagen geladen und damit vor die Kirche gefahren, um es zu segnen.

Nach diesem und einem weiteren Mittagessen ging es dann für uns wieder Richtung San Ignacio, um hier abends mit den Mädchen und Jungs gemeinsam zu grillen und dann todmüde ins Bett zu fallen.

Bolivien52Hier in San Ignacio packt uns aber mittlerweile ein bisschen die Wehmut. So langsam aber sicher neigt sich unser Jahr hier dann doch dem Ende zu. Die Tage, bis die anderen Freiwilligen San Ignacio verlassen, lassen sich schon an einer Hand abzählen und so begehen wir schon jetzt die ein oder andere Abschiedsfeier.

Bis zu unserem Abschied bleibt uns hier aber zum Glück noch ein bisschen Zeit, die wir versuchen so gut wie möglich zu genießen.

Jetzt gibt es hier erstmal Winterferien und auch das Patrozinium von San Ignacio wartet noch auf uns.

Bis dahin, macht es gut, genießt den Sommer, wir sehen uns in ein paar Wochen,

Eure Julia

Zehnter Rundbrief aus Bolivien

Zehnter Rundbrief aus Bolivien

Geburtstag feiern auf bolivianisch

Wer sich – wie wir MaZ – dazu entscheidet, ein Jahr im Ausland zu verbringen, der verbringt natürlich auch ein Jahr lang alle Festtage ohne seine Liebsten daheim und ganz anders als gewohnt.

Weihnachten und auch Ostern liegen ja jetzt schon wieder eine ganze Weile hinter uns und da blieb für mich nur noch ein Fest auf meiner Liste: mein eigener Geburtstag.

Ich muss sagen, so im Vorhinein hatte ich schon ein bisschen Angst, den Tag ohne meine Freunde und Familie von zu Hause zu verbringen. Natürlich ganz umsonst. Denn eines schon einmal vorweg: ich hatte einen wunderschönen Tag hier in der Internatsfamilie, bei dem kein bolivianischer Brauch ausgelassen wurde.

Bolivien42In Bolivien fängt so ein Geburtstag (zumindest als Freiwillige in einem Internat) verdammt früh an – nämlich mit der sogenannten Serenada. Dabei trifft man sich – natürlich so früh morgens wie möglich, auch gerne schon um 4 oder halb 5 – um das Geburtstagskind mit Gesang zu wecken. Am Geburtstag werden da natürlich hauptsächlich Geburtstagslieder geschmettert, bis das Geburtstagskind aufsteht, rauskommt und die erste Torte des Tages anschneidet und verteilt. Die Serenada wird hier aber zu sämtlichen Anlässen veranstaltet: Vatertag, Muttertag, und und und…

Zum Glück war es in der Woche meines Geburtstags unglaublich kalt und ich wurde erst um 6 Uhr von dem Gesang der (in dicke Wolldecken gehüllten) Mädels geweckt. Nachdem die erste rosane Torte verspeist war, durfte ich dann nochmal ein wenig schlafen.

Den restlichen Morgen habe ich dann bei einem gemütlichen Frühstück mit den anderen Freiwilligen hier in San Ignacio verbracht, bevor es wieder zurück in die Casa ging.

Die glich mittlerweile eher einem aufgescheuchten Hühnerstall, hatte Trifonia es sich doch zu Aufgabe gemacht, abends ein Geburtstagsessen zu organisieren, das natürlich ausgiebig vorbereitet werden musste.

Es ging sogar so weit, dass ich von den Mädchen in mein Zimmer gescheucht wurde, mit dem strengen Verbot, wieder raus zu kommen, bevor ich abgeholt werde. Nach gar nicht so langem Warten, durfte ich dann aber auch wieder raus und zum Abendessen.

Bolivien43Trifonia und die Mädels haben dabei echt kein Detail dem Zufall überlassen und haben mit ganz viel Liebe eine riesige Tafel gedeckt.

Nach dem Essen (es gab übrigens eines meiner bolivianischen Lieblingsgerichte „Picante de Pollo“), ging es dann los mit der eigentlichen Feier und allen anderen bolivianischen Bräuchen, von denen mir natürlich kein einziger erspart blieb.

Angefangen wurde natürlich nochmal mit Musik und Gesang. Dabei konnte ich an den strahlenden Gesichtern der Mädels schon ablesen, was mich gleich alles erwarten würde. Schließlich hatte ich ja alles schon einmal bei anderen Geburtstagen gesehen:

Bolivien44Als erstes muss dann die Torte „getötet“ werden. Dazu reicht natürlich nicht das einfache Anschneiden. Bolivianische Torten sind ganz besonders gefährlich und müssen vom Geburtstagskind durch einen gezielten Biss getötet werden (dass die Torte „getötet“ wird, sagt man hier im Übrigen echt). Während das nichtsahnende Geburtstagskind dann versucht, sich möglichst wenig dabei einzusauen, kommt von hinten eine meist ganz harmlos aussehende Person und drückt es mit viel Kraft mit dem ganzen Gesicht in die Torte. Erst dann ist die Torte mit ziemlicher Sicherheit unschädlich gemacht!

Unter lautem Schreien der Mädels, durfte natürlich auch ich eine der 3 weiteren rosa-verzierten Torten „töten“. Gnädigerweise wurde mir dabei wenigstens gestattet, die Brille vorher auszuziehen.

Bolivien45Während ich dann noch mit der Säuberung meines Gesichts beschäftigt war, musste natürlich die Torte auch angeschnitten werden. Die Zeit wurde dann für den nächsten bolivianischen Brauch genutzt, nämlich huevo y harina, übersetzt: Ei und Mehl. Diese zwei Zutaten bekommt das Geburtstagskind nämlich auf den Kopf (natürlich mit Schale und roh). Das Ganze ist also eine riesige Sauerei! Macht aber unglaublich viel Spaß – zwar mehr als Zuschauer, als als Geburtstagskind, aber da muss man dann wohl einmal im Jahr durch.

Nach jeder Menge Fotos und Glückwünschen ging es dann für mich erstmal unter die Dusche, während unser Speisesaal von den Mädels schnell in eine große Tanzfläche umgewandelt wurde.

 Zum Tanzen kamen dann auch die Jungs aus der Casa San José vorbei und der Rest des Abends wurde gemeinsam bei Torte, Cola, Popcorn und Musik gefeiert.

Bolivien46Alles in Allem kann ich nur sagen, dass es ein wirklich wunder-wunderschöner Tag für mich war. Und mir ist mal wieder richtig bewusst geworden, dass ich wirklich sagen kann, dass ich hier eine bolivianische Riesenfamilie gefunden habe, die aus ganz vielen tollen und einzigartigen Menschen besteht, die alles mit mir teilen und mir hier jede Menge Halt und Geborgenheit geben.

Ihr seht also: nach wie vor geht es mir bestens am anderen Ende der Welt!

 Liebe Grüße aus dem winterlichen Bolivien,

 Eure Julia!

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Neunter Rundbrief aus Bolivien

Neunter Rundbrief aus Bolivien

¡Feliz Cumpleaños FASSIV!

Hallo ihr Lieben!

Mittlerweile sind jetzt schon mehr als 8 Monate meines MaZ-Jahres rum und auch Ostern liegt schon wieder einige Wochen hinter uns. In der Zwischenzeit ist aber wieder Einiges passiert (besonders im FASSIV), von dem ich euch berichten möchte:

In den letzten Wochen ging es in der Fundación Ayuda Social San Ignacio de Velasco (FASSIV), in der ich nach wie vor meine Nachmittage verbringe, drunter und drüber. Es gab viele Besonderheiten und Feiertage zu zelebrieren und zu feiern.

Bolivien36Im März begannen die außergewöhnlichen Tage mit dem Tag der Inklusion und dem Tag des Down Syndroms. An beiden Tagen verbrachten wir die Nachmittage statt im Klassenraum mit allen Kindern auf der großen Plaza in der Stadtmitte.

Am Tag der Inklusion beteiligten sich dabei sogar die Schulen und Kindergärten, die von Kindern oder Jugendlichen mit Behinderung besucht werden. Fast jede Klasse oder Schule hatte dazu große Plakate oder Schilder gebastelt, auf denen Aufrufe zu mehr Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung im Bildungssystem zu sehen waren.

Bolivien37Gemeinsam wurde dann ein bisschen getanzt oder der Orchestermusik gelauscht und vor allem jede Menge Krach veranstaltet.

Bolivien38Am Tag des Down Syndroms standen natürlich die Kinder mit dieser Behinderung beziehungsweise diese Behinderung generell im Mittelpunkt. Die Lehrerinnen hatten dazu einige Plakate vorbereitet, um allen Passanten (manchen ein bisschen widerwillig) die Entstehung und den Umgang mit Menschen mit dieser Behinderung näher zu bringen. Ganz besonders berührt hat mich dabei ein Kurzfilm, der sich an werdende Mamas, die für ihr Kind die Diagnose Down Syndrom bekommen haben, richtet und in dem Kinder und Jugendliche mit dieser Behinderung erzählen, wieviel sie trotz ihrer Behinderung schaffen und können und wie glücklich sie sind.

Als nächstes war dann am 12. März der Día del niño, also der Kindertag. Der wird hier natürlich, wie jeder Feiertag, groß zelebriert.

Am Montag gab es deshalb schon eine fassivinterne Feier mit allen Schülern und Eltern. Dabei ging es natürlich um die Kinder an sich, die (wie es sich an so einem Feiertag gehört) ein bisschen verwöhnt wurden. Im Mittelpunkt standen aber auch ganz besonders die UNICEF Kinderrechte, die (außer den USA) alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen anerkannt haben und sich damit völkerrechtlich dazu verpflichten, für das Wohlergehen ihrer Kinder zu sorgen.

Diese Kinderrechte wurden in 10 Grundrechten festgehalten, die beispielsweise das Recht auf einen Namen und eine Staatsangehörigkeit, das Recht auf Gesundheit, Bildung und Freizeit, das Recht, sich zu informieren, mitzuteilen und gehört zu werden, das Recht auf gewaltfreie Erziehung und das Recht auf elterliche Fürsorge und Schutz vor Grausamkeit, Vernachlässigung und Verfolgung beinhalten und fordern. Darüber gab es sogar ein kleines Lied, zu dem ich gemeinsam mit den Lehrerinnen einen kleinen Tanz einstudiert habe, der natürlich dann auch präsentiert wurde. Zu guter Letzt gab es dann noch für jedes Kind eine Canasta. Das kann man vielleicht ein bisschen mit der Martinstüte bei uns vergleichen. Eine Woche vorher basteln die Lehrerinnen einen Behälter und im Laufe der Woche bringt jedes Elternteil eine Süßigkeit in Kursstärke mit, sodass für jedes Kind eine Tüte mit den verschiedensten Süßigkeiten, die natürlich schon auf dem Nachhauseweg verschlungen werden, und einem Spielzeug zusammenkommt.

Bolivien39Am nächsten Tag ging es dann mit allen anderen Grundschulen auf die Plaza zur großen Feier. Mit viel Musik und einem kleinen Umzug wurde gemeinsam mit Mickey Maus, Donald Duck und Co. Gesungen, über die Kinderrechte geredet ,getanzt und gelacht. Zur Feier des Tages gab es natürlich auch noch einmal eine kleine Canasta, diesmal von der Stadt und für alle Kinder, die da waren.

In dieser Woche wurde dann der 27. Geburtstag des FASSIVs gefeiert. Am Montag begann diese spezielle Woche mit einer Sensibilisation der Eltern. Wie schon im letzten Jahr kamen die Eltern, um in kleinen Spielen gegen die Lehrerinnen anzutreten. Dabei gab es zum Beispiel ein Schubkarrenrennen, Eierlaufen, Sackhüpfen und Apfelwettessen. Entgegen aller Erwatungen gewannen dieses Mal aber die Lehrerinnen mit riesigem Vorspung.

Am Dienstag ging es weiter mit einer Sensibilisation der Kindergärten und deren Lehrer/innen. Es wurden diverse Kindergärten eingeladen, um gemeinsam mit den FASSIV-Kindern im Park zu spielen und unter den Lehrern wurde über Inklusion in der Schule und in Kindergärten geredet und diskutiert.

Am nächsten Tag ging es dann mit allen Kindern zum Friedhof von San Ignacio, um der Gründerin des FASSIVs zu gedenken, die von allen liebevoll Mutti (auf Deutsch) genannt wird und deren Geist und Liebe zu ihrer Arbeit hier immer noch eine große Rolle spielt.

Bolivien40Donnerstag gab es dann den ganzen Tag die große Fiesta. Morgens fand dabei der offizielle Teil statt, mit hochkarätigen Gästen, bei dem ich aber leider nicht dabei sein konnte. Nachmittags hingegen wurde dann mit vielen verschiedenen Tänzen so richtig gefeiert.

Nach einer Woche feiern und vielen Terminen gab es dann am Freitag schulfrei für alle Kurse, um sich von den ganzen Strapazen zu erholen und am Montag wieder frisch in den Schulalltag einzusteigen.

Bolivien41Damit verabschiede ich mich dann auch wieder. Euch allen wünsche ich jetzt ein schönes Wochenende und genießt die ersten richtigen Frühlingstage,

Bis dann,

Eure Julia

Achter Rundbrief aus Bolivien

Achter Rundbrief aus Bolivien

Ostern auf bolivianisch

Wie versprochen melde ich mich nach Ostern und allen Feierlichkeiten nochmal, um euch daheim ein wenig zu berichten, wie ich die Karwoche und Ostern hier erlebt habe.

Um das Mal vorweg zu nehmen: hier in Bolivien wird Ostern deutlich ausschweifender und aufwendiger gefeiert als zum Beispiel Weihnachten. Begonnen wurde mit diesen besonderen Feierlichkeiten am Palmsonntag:

Pünktlich zum Messbeginn gab es eine kleine Prozession. Natürlich mit mitgebrachten Palmzweigen. An unserem Ziel angekommen wurden Gebete gesprochen, ein wenig gesungen und eine Lesung gelesen. Danach ging es wieder zurück in die Kirche und weiter mit der normalen Messe.

Als nächstes größeres Osterevent kam dann der Gründonnerstag. Der begann natürlich (wie bei uns auch) mit einer Messe und dem traditionellen Waschen der Füße. Danach ging es dann wieder raus. Diesmal zu einer großen Prozession, an der gefühlt wirklich ganz San Ignacio teilgenommen hat.

Bei diesen Prozessionen, die es in der Karwoche öfter gibt, gibt es hier in San Ignacio vier Stationen, an denen jeweils aufwendig ein Pavillon aufgebaut wurde. Dorthin zieht dann die Menschenmenge – angeführt von lebensgroßen Holzfiguren, die Maria und Jesus darstellen, riesigen (und bestimmt tonnenschweren) Kreuzen und begleitet von Musik und Gebeten.

Die ganze Atmosphäre dabei kann man gar nicht richtig in Worte fassen. Es ist unglaublich beeindruckend und auf eine gewisse Art und Weise unglaublich besinnlich, aber trotzdem aufregend und natürlich im angemessenen Maße bolivianisch-chaotisch.

Das ganze perfektionierte dann gerade am Gründonnerstag das Wetter. Kurz vor der dritten Station fing es nämlich auf einmal und aus heiterem Himmel an, in Strömen zu regnen. Da wird man dann doch nochmal dran erinnert, dass die Regenzeit noch nicht ganz vorbei ist – im Gegensatz zu der Prozession in dem Moment. Mit dem ersten Tropfen teilte sich die Menschenmasse in der Mitte und alle strömten auf die überdachten Bürgersteige und quetschten sich mit möglichst vielen Personen unter die Dächer. Währenddessen rannten die Träger mit ihren Figuren zurück in Richtung Kathedrale, um zu retten, was noch zu retten war.

Nach einiger Zeit beschlossen dann auch schon die ersten, dass der Regen wohl so schnell nicht mehr aufhören würde, womit sie auch Recht behalten sollten. Also ging es für alle früher oder später durch den Regen nach Hause. Die Straßen hatten sich mittlerweile in knietiefe, fast schon reißende Flüsse verwandelt, aber was bleibt einem anderes übrig?

Also ging es ab nach Hause, schnell noch unter die Dusche und dann ab ins Bett. Am Freitag klingelte nämlich schon um 4 Uhr der Wecker.

Am Karfreitag stand dann natürlich der Kreuzweg an. Die Steyler Pfarre hier im Dorf trifft sich dazu um 5 Uhr morgens und geht dann gemeinsam bis zu einer Kapelle, die zwischen San Ignacio und dem Nachbardorf San Miguel liegt. Auf dem Weg stehen dann am Straßenrand große Kreuze, an denen jeweils die Stationen vorgelesen werden. Im Grunde genommen also ein ganz normaler Kreuzweg, nur mit ein bisschen mehr Fußweg, als zu Hause einmal durch die Kirche zu gehen.

An der Kapelle angekommen, entlohnt einen dann aber der wunderbare Ausblick über ganz San Ignacio, da das letzte Stück einen auf einen Hügel hinaufführt. Nach der kurzen Belohnung ging es dann aber auch recht zügig wieder zurück nach Hause und zum Frühstück.

Am Samstag gab es dann natürlich auch noch die Osternacht, die sich aber nicht wirklich von unserer Osternacht zu Hause unterscheidet, bis auf ein kleines Detail: nach der Messe findet ein „Wettrennen“ zwischen einer Jesusfigur und einer Marienfigur statt. Mit dem Ende des Gottesdienstes strömen alle aus der Kathedrale und noch bevor alle aus der Türe raus sind, rennen die beiden Gruppen mit ihren Figuren los. Den genauen Zweck dahinter konnte uns leider keiner so 100%ig erklären, aber für die Interessierten: in diesem Jahr haben in San Ignacio die Frauen mit der Marienfigur gewonnen, nachdem der Jesus nur knapp einem dramatischen Sturz entgangen ist.

Der Sonntag wurde dann eher ruhig verbracht und am Montag hatten die Mädels und Jungs dann auch schon wieder Schule, der Ostermontag ist hier nämlich kein Feiertag. Und damit war dann Ostern auch schon wieder vorbei – und das ohne auch nur ein einziges buntes Ei. Das Eierfärben haben wir nämlich leider vergessen – im nächsten Jahr dann wieder.

So, damit bin ich auch schon wieder am Ende angelangt. Ich hoffe, ihr daheim habt auch alle schöne Ostern mit mehr Ostereiern als wir hatten verbracht und genießt jetzt den Frühlingsanfang und die ersten warmen Tage.

Liebe Grüße aus dem fernen Bolivien,

eure Julia

Siebter Rundbrief aus Bolivien

Siebter Rundbrief aus Bolivien

Home is where your heart is!

Hallo ihr Lieben,

wie viele von euch schon bemerkt haben, ist seit meinem letzten Rundbrief schon einige Zeit vergangen. Weihnachten, die großen Ferien mit meiner Reise, der Anfang des neuen Schuljahres und bolivianischer Karneval liegen jetzt schon hinter mir.

Erstmal noch ein paar kurze Worte zu Weihnachten (auch wenn man so Mitte März gerade alles andere als Weihnachten im Kopf hat): Eigentlich war es gar nicht so anders als bei uns daheim. Es wird viel gegessen, man geht in die Messe, es gibt kleine Geschenke …

Das einzige, was wirklich anders ist, ist, dass man in kurzer Hose und T-Shirt feiern kann. Auch wenn das dieses Jahr zwar eine coole Erfahrung war, muss ich mir da aber doch eingestehen, dass ich mich nächstes Jahr dann doch wieder darauf freue, mir die frierenden Finger auf dem Weihnachtsmarkt an der Kakaotasse zu wärmen.

Bolivien26Am zweiten Weihnachtstag ging es dann endlich los auf die heiß ersehnte Reise. Unsere drei Wochen lange Route führte uns dabei schon ein Stück durch Bolivien, mit Stopp beim Zwischenseminar und danach bis zu den bekannten Iguazu Wasserfällen im Dreiländereck von Paraguay, Argentinien und Brasilien.

Bolivien27Begonnen haben wir unsere Reise in Cochabamba und Sucre, zwei der Großstädte Boliviens. Nach ein paar Tagen, die wir gebraucht haben, um uns richtig an die Höhe zu gewöhnen (es liegen nämlich so ungefähr alle Städte Boliviens, bis auf Santa Cruz, im Hochland) konnten wir dann die Städte auch richtig genießen und viele tolle Orte besuchen. Zum Beispiel sind wir die gefühlten 10.000 Stufen zum Cristo in Cochabamba hochgestiegen, oder haben viel Zeit auf der Plaza in Sucre, Boliviens Hauptstadt, verbracht.

Bolivien28Nach unserer kleinen Bolivientour ging es dann erstmal ein kleines Stück näher Richtung San Ignacio, nämlich wieder nach Santa Cruz zurück. Dort trafen wir uns mit sechs weiteren MaZlerinnen und unseren zwei Teamern zum Zwischenseminar.

Das Zwischenseminar ist von der Organisation „Weltwärts“ vorgeschrieben und damit auch Pflicht für jeden von uns MaZlern. Hier wird gemeinsam das halbe Jahr, was bis dahin hinter einem liegt, reflektiert und Probleme und Konflikte können angesprochen werden. Das Ganze ist echt eine super Sache, wann bekommt man sonst schon mal die Chance mit Leuten zu reden, die gerade im selben Land mit denselben Problemchen und Kulturdifferenzen zu kämpfen haben?!

Bolivien29Natürlich werden aber nicht nur ernste Themen besprochen, sondern es wird vor allem auch viel gelacht. Sogar ein bisschen Kultur ist dabei! Wir zum Beispiel haben mit unserer Gruppe nämlich eine Inka-Stätte besucht (ja, die gibt es auch in Bolivien!).

Um dann weiter Richtung Iguazu zu kommen, sind wir viele viele Stunden mit dem Reisebus durch ganz Paraguay gefahren; aber es hat sich gelohnt: die Iguazu Wasserfälle sind unglaublich beeindruckend und ein absolutes Muss für jeden, der einmal die Chance bekommt!

Nach so einer langen Reise freut man sich dann aber doch wieder, nach Hause zu kommen, nicht mehr aus dem Rucksack zu leben und nicht alle paar Tage wieder in einem anderen Bett zu schlafen.

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Also ging es Ende Januar wieder zurück in unsere Wahlheimat für ein Jahr: San Ignacio de Velasco.

Hier hatte sich in den paar Wochen, in denen wir unterwegs waren, ganz schön was geändert: mittlerweile wurde nämlich damit begonnen, zumindest einige wichtige und große Straßen zu betonieren und daran wird auch trotz Regenzeit noch fleißig weitergearbeitet. San Ignacio wird damit noch ein bisschen mehr zu einem richtigen kleinen Städtchen.

Mit den Tagen, die ich dann noch alleine in der Casa verbrachte, wuchs dann aber auch die Aufregung: wer von den alten Mädels kommt zurück? Wie viele neue Mädels ziehen ein? Und wie lange wird es dauern, bis alle sich an die neue Situation gewöhnt haben?

Ich muss zugeben, die Fragen klingen ein bisschen wie aus einer schlechten Fernsehsendung. Nichts desto trotz waren das für mich die wichtigsten Fragen, die mir schon die ganze Reise über im Kopf herumschwirrten: es gab nämlich nicht nur in San Ignacio, sondern auch im Internat bedeutende Veränderungen.

Seit diesem Jahr begleitet nämlich nicht mehr Don Hugo die 18 Mädels und mich im Alltag, sondern Doña Trifonia, die zuvor mit den Jungs aus der Casa San José zusammengearbeitet hat. Seit dem herrscht hier geballte Frauenpower – und nach dem ersten gemeinsamen Monat kann ich nur sagen, dass alles in allem gut klappt. Unter den 18 Mädels sind acht neue dabei, die sich alle (manche mehr, manche weniger) schnell eingelebt haben und mittlerweile läuft unser Alltag hier schon wieder echt geregelt und strukturiert ab.

In dem Monat, den ich jetzt schon wieder hier bin, ist aber natürlich auch noch einiges Anderes passiert, zum Beispiel war ja auch noch Karneval.

Bolivien31Wer mich in Deutschland gut kennt, weiß, dass ich in unserem schönen Kaldenkirchen mit dem Karneval groß geworden bin. Sei es das Tanzen, die Prinzenpaare oder die Kinderdisko und Umzüge, bis jetzt ist auch trotz Abiturstress vor einem Jahr noch keine Session vergangen, in der ich karnevalistisch nicht aktiv war.

Gott sei Dank musste ich da dieses Jahr jedoch auch nicht drauf verzichten. Hier in Bolivien wird natürlich auch Karneval gefeiert, wenn auch ganz anders als bei uns zu Hause.

Hier in San Ignacio beginnt der Karneval mit dem Umzug am Samstag. Dabei bekommt man ganz verschiedene Wagen und Gruppen zu sehen: das geht von Superheldenverkleidungen bis hin zu Tanzgruppen, die einen schon fast an Bilder aus Rio de Janeiro erinnern. Das ist zwar eine sehr gewöhnungsbedürftige Mischung, aber sehr interessant.

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Danach wird nur noch gefeiert! Mit viel Musik, Wasser, Matsch und Farbe und bis Dienstagabend. Gerade am letzten Tag wird besonders viel rumgematscht. Egal ob Sonne oder Regen, am Ende ist man sowieso nass und dreckig.

Natürlich wurde das auch in den zwei Internate ausreichend zelebriert: es gab ein großes Grillfest.

Eigentlich war dabei die Wasser/Matschschlacht für NACH dem Essen geplant, aber als die ersten Wasserbomben ausgepackt und befüllt wurden, war es vorbei mit der Zurückhaltung. Die Wasserbomben flogen, die Putzeimer wurden befüllt und über den Köpfen Anderer ausgeleert und der Kräutergarten wurde kurzerhand zum Schlammbad umfunktioniert, in dem auch wirklich jeder landete. Im Karneval sind eben alle gleich, egal ob Priester, Bruder, Internatsleitung, Freiwilliger, Schüler oder ahnungsloser Gast.

In der vergangenen Woche gab es dann auch noch eine gravierende Änderung in den Internaten: Padre Pablo, der bis dahin für die Koordination der Internate von Steyler Seite aus verantwortlich war, wurde versetzt und betreut jetzt zwei Internate im Departamento Cochabamba. Natürlich wurde er in den Casas auch gebührend mit selbstgemachter Pizza, Soda und einem Tanzabend verabschiedet. Ab jetzt begleitet dann Hermano (Bruder) Josimar die Internate.

Bolivien34Für alle, denen es eben noch nicht beim Lesen aufgefallen ist, ja, mittlerweile ist schon ein halbes Jahr vergangen, seitdem wir den großen Schritt nach Bolivien gewagt haben, sogar noch mehr: es bleiben nun schon nur noch weniger als fünf Monate, bis ich wieder im Flieger nach Deutschland und ins gute, alte Kaldenkirchen sitze. Aber ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass ich hier mein Herzensland gefunden hab, in dem ich mich immer noch super wohl fühle! Ich genieß jetzt erstmal ein bisschen die ereignislosen Tage bis Ostern und den fast schon ruhigen Alltag und werde mich dann bestimmt nach Ostern mal wieder melden.

Bis dahin, besos de bolivia,

Eure Julia

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Sechster Rundbrief aus Bolivien

Sechster Rundbrief aus Bolivien

Ein Viertel ist vorbei!

Viele meiner Rundbriefe, die ihr bis jetzt gelesen habt, begannen mit dem Thema Zeit und weil man alte Traditionen ja auch manchmal beibehalten sollte: jetzt sind schon drei Monate um! Das ist schon wirklich eine verdammt lange Zeit.

Mittlerweile bin ich hier so angekommen und lebe so in meinem Alltagstrott, dass ich manchmal schon fast vergesse, dass ich gar nicht von hier bin, dass das gar nicht meine Heimat ist und dass eigentlich alles anders ist als im weit entfernten Deutschland. Und dann weiß ich gar nicht, ob ich mich mehr auf meine Rückkehr nach Deutschland freue, oder ob ich mehr Angst habe, Bolivien dann unglaublich zu vermissen.

Drei Monate sind vergangen, seit dem wir im August in den Flieger gestiegen sind. Mittlerweile ist November. Jedes Mal, wenn ich das Datum genauer betrachte, fällt mir wieder auf: nein, das fühlt sich komisch an. November und Sonne. November und über 30 Grad auf dem Thermometer. November und die großen Ferien, die vor der Türe stehen.

Nur eins scheint überall auf der Welt gleich zu sein: November und die Weihnachtsschokolade steht im Supermarktregal!

Natürlich ist hier seit meinem letzten Rundbrief auch einiges anderes passiert, als dass es jetzt Weihnachtssüßigkeiten gibt und das möchte ich euch natürlich auch nicht vorenthalten:

Unter anderem hatten Elli und ich, gemeinsam mit zwei anderen Freiwilligen aus München und Österreich, die Chance, ein langes Wochenende in Santa Cruz zu verbringen.

Bolivien22Santa Cruz ist die nächste Großstadt hier in Nähe und hat deshalb, gerade zum Einkaufen, einen ganz besonderen Reiz für die Einheimischen. Aber nicht nur zum Einkaufen setzen sich viele eine Nacht in die Flota (so nennt man die Reisebusse hier), auch für sämtliche Behördengänge oder zum Studieren müssen die meisten nach Santa Cruz fahren. Das ist der Grund, warum die Flotas eigentlich immer recht voll sind. Trotzdem lässt es sich, wenn man ein bisschen weiß, worauf man achten muss, ganz gut in den Bussen aushalten. Meistens bekommt man sogar etwas Schlaf. Nichts desto trotz waren wir mehr als müde, als wir um 6 in der Früh dann endlich an unserem Ziel ankamen. Aber ausruhen gibt es nicht! Noch am Vormittag machten wir uns auf den Weg ins Zentrum.

Als Dorfkinder, die Elli und ich nun einmal sind, ist so eine große Stadt schon immer wieder beeindruckend und so eine lateinamerikanische Metropole ist da nochmal um einiges wuseliger, lauter und voller, als man es von europäischen Großstädten gewohnt ist.

Bolivien23Ansonsten weckt Santa Cruz bei uns aber schon fast Heimatgefühle. Alles scheint auf einmal so westlich und fast so zu sein wie in Berlin oder Köln: die Straßenschilder sind auch auf Englisch übersetzt, zwischendurch hört man immer mal ein Lied, was auch zu Hause im Radio lief, es gibt Kaufhäuser und große Supermärkte.

Gerade von Kaufhäusern und riesigen Supermärkten haben zumindest Elli und ich uns aber versucht ein bisschen fern zu halten. So schön das Gefühl zwar auch ist, alles, was das Herz begehrt in sämtlichen Ausführungen in Reichweite zu haben, hat das Einkaufen auf den vielen Märkten doch seinen ganz eigenen Flair. Außerdem gibt es da, an den unzähligen Ständen, viel mehr zu entdecken als in einem gut sortierten Supermarkt.

Leider ist so ein Wochenende viel zu kurz, um alles von einer Stadt zu sehen, auch wenn es nicht allzu viele touristische Attraktionen gibt.

Nichts desto trotz hatten wir ein paar super schöne Tage und haben uns auch von dem vielen Regen hier nicht aufhalten lassen.

Wie es aber nun mal so ist, nach einem kurzen oder auch langen Urlaub, ganz schnell ist man wieder im Alltag angekommen. Der verlängerte sich dann auch noch um eine Woche, weil das Bildungsministerium -eine Woche vor Ferienbeginn- entschied, dass doch noch eine Woche länger unterrichtet werden müsse.

Bolivien24Das warf hier alles etwas durcheinander. Der Unterricht musste umgeplant werden und auch alle Aktivitäten in den Internaten, die noch geplant waren, bevor hier alle zu ihren Familien nach Hause fahren, mussten verschoben werden. Deswegen haben die Mädels jetzt schon während ihrer Schulzeit in den Lernzeiten an den Nachmittagen und Abenden mit ihren Handarbeiten begonnen. Die Hora de estudio benötigen die Mädels im Moment aber auch nicht. Die Noten stehen fest und wegen der spontanen Verlängerung der Schulzeit weiß kein Lehrer mehr so recht, was er mit seinen Schülern machen soll. Und sind wir mal ehrlich, in der letzten Woche vor den großen Ferien ist wahrscheinlich in kaum einer Schule der Welt noch richtig anspruchsvoller Unterricht.

Bolivien25Im Moment befinden sich also alle im Endspurt vor den großen Ferien und natürlich auch vor Weihnachten. Während in Deutschland die ersten Weihnachtsmärkte schon öffnen, alle ihre Lichterketten rauskramen und (wie wir so hören) es auch teilweise schon schneit, ist hier von richtiger Weihnachtsstimmung noch nicht so viel zu spüren, aber wir lassen das Ganze erstmal auf uns zukommen und uns ein bisschen überraschen. Und Zeit, um ein paar Weihnachtsplätzchen zu backen, finden wir bestimmt.

Also, ihr Lieben,
euch und euren Familien wünsche ich erstmal eine unglaublich schöne und besinnliche Adventszeit und natürlich dann auch frohe und noch besinnlichere Weihnachten.

Nach den Festtagen werde ich mich bestimmt nochmal mit Erzählungen über Advent und Weihnachten in Bolivien melden.

Bis dahin, liebe Grüße y besos de bolivia,

Eure Julia

Fünfter Rundbrief aus Bolivien

Fünfter Rundbrief aus Bolivien

¡Fiesta!

Elli und ich leben nun schon eine ganze Zeit hier in Bolivien. Eine Zeit, in der viel passiert ist und ganz besonders viel gefeiert wurde.

Wir haben hier jetzt schon einige Feste der Region und des Departamentos mitbekommen, aber auch Tanzfeste der verschiedenen Schulen und natürlich vor allem alle Feierlichkeiten des Fassivs im Monat der Menschen mit Behinderung Oktober.

Nach dem Tag der offenen Türe im Fassiv, hatten wir letzte Woche volles Programm: Montag war noch ein Feiertag (auf den ich gleich noch genauer eingehen werde), also schulfrei. Am Dienstag wurden dann die letzten Vorbereitungen für den folgenden Tag getroffen. Am Mittwoch erreichte nämlich zumindest der offizielle Teil der Feierlichkeiten seinen Höhepunkt. Alle Kurse hatten sich teilweise schon seit Wochen auf diesen Tag vorbereitet, fleißig gegrübelt, geschnibbelt und geklebt, um rechtzeitig ihre Kostüme für den kleinen Umzug fertig zu haben.

Bolivien15Am Mittwoch selber trafen sich dann alle Kurse deutlich früher als sonst, nämlich schon um 7:30, um der heißen Mittagssonne zu entgehen. Es wurden eifrig alle Kostüme angelegt und es dauerte nicht lange, bis eine kleine Militärkapelle das ganze Treiben im Fassiv musikalisch untermalte. Typisch bolivianisch dauerte es hingegen doch länger als eigentlich geplant, bis alle Schüler und Lehrer anwesend und fertig waren. In der Zwischenzeit blieb dann allen ein bisschen Zeit, die Kostüme der anderen zu begutachten. Unser Kurs war als Marienkäfer verkleidet, mit glitzernden Flügeln und flauschigen Fühlern. Außer uns gab es aber zum Beispiel auch fleißige Bienchen aus der Physiotherapie, Köche, Krankenschwestern, Minions, Mickey und Minnie Maus, und und und…

Gemeinsam (und natürlich mit der Kapelle) zogen wir dann zur Plaza. Spätestens da war ich dann doch ziemlich dankbar dafür, dass diese Veranstaltung am Morgen stattfand. In langen und schwarzen Klamotten, war es nämlich auch vor 9 Uhr schon ganz schön warm. An der Plaza angekommen, wurden gemeinsam noch einige Runden gedreht, bis es in die Mitte des Platzes ging. Dort steht ein kleiner Pavillon, der an diesem Tag natürlich auch Fassiv-gerecht geschmückt war. Hier hielten dann verschiedene Personen, wie zum Beispiel die Leitungen des Fassivs, eine Mutter und verschiedene Stellvertreter von Stadt und Departemento kleine Reden oder Ansprachen, in denen meistens die besondere Arbeit des Fassivs im Allgemeinen und der Profen im Besonderen gelobt wurde. Zwischendurch gab es immer wieder kleine Safttüten, Muffins oder Lutscher für alle Kinder (und natürlich auch für uns) und selbstverständlich auch Musik. Es spielte nämlich nicht nur die Militärkapelle, sondern  auch das Fassiv-eigene Orchester ließ es sich nicht nehmen, ein, zwei Stücke zum Besten zu geben. Dazu wurde selbstverständlich auch ein wenig getanzt, um das ganze Fest ausklingen zu lassen.

Bolivien16Am nächsten Tag folgte dann der eigentliche Höhepunkt für die meisten Kinder, es ging nämlich ins Schwimmbad. Mit jeder Menge wichtigen Utensilien für einen Tag im Freibad, wie Radios, Gartenstühlen und Gartentischen, jeder Menge Soda und einigen kleinen Snacks im Gepäck, trafen sich alle Kinder, teilweise mit ihren Eltern, schon früh am Morgen vor dem Schwimmbad. Dass das Schwimmbad erst circa 1 ½ Stunden später öffnete, war entweder ziemlich bewusst geplant, damit dann auch wirklich alle da sind, oder einfach nicht bedacht-  das lässt sich manchmal einfach nicht so genau beurteilen.

Als die Tore ins kühle Nass sich dann endlich öffneten, strömte natürlich auch Groß und Klein direkt nach drinnen, um sich einen schönen Platz zu suchen. Da hier in Bolivien alle mit Kleidung schwimmen gehen und sich nachher entweder einfach trocknen lassen, oder einen Satz Ersatzklamotten dabei haben, entfällt natürlich das lästige aus- und umziehen und es dauerte auch nicht lange, bis die ersten Wasserratten sich abkühlten.

Nachdem Elli und ich ein bisschen Morgensonne getankt hatten, ging es natürlich auch für uns beide ins Wasser und ich muss sagen, das Baden mit Klamotten hat mich ein bisschen an meine Grundschulzeit erinnert, in der es einmal im Jahr ein Schlafanzugschwimmen gab. Auch wenn das alles ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist und bestimmt auch nicht zum zielstrebigen Bahnenziehen geeignet, macht es doch riesig Spaß, mit den Kids einfach in Klamotten ins Becken zu springen und gemeinsam zu toben. Es war einfach ein wunderschönes Gefühl, so viele Kinder gleichzeitig über beide Ohren strahlen zu sehen, nur weil man mal einen Tag im Schwimmbad verbrachte – es muss eben doch nicht immer der Freizeitpark sein, um einen schönen Wandertag zu haben.

Bolivien17Neben den Festen im Fassiv gab es in der letzten Zeit hier in San Ignacio auch einige Feiertage, wie zum Beispiel den „Dia de la tradicion“. An diesem Tag feiern die Chiquitanos, das sind die Menschen hier in unserer Region, der Chiquitanía, ihre alte Tradition. Wie bei fast jedem Feiertag haben die Schüler keinen Unterricht, sondern sind in die Feierlichkeiten mit eingebunden.

Bolivien18Zur Feier dieses Tages gab es morgens eine Art Wettbewerb auf der Plaza, an denen verschiedene Institutionen, wie beispielsweise die Schulen, aber auch das Fassiv oder Nachbarschaften teilnahmen, und bei dem es darum ging, die beste traditionelle Darbietung zu gestalten. In erster Linie hieß das – wie eigentlich immer – Musik und Tanz. Nacheinander kamen die verschiedenen Gruppen auf der Plaza an, wo sie vor einer Jury und jeder Menge Publikum auftraten. Natürlich wurden für die verschiedenen Tänze keine Mühen gescheut und viele Gruppen traten mit einer Königin auf, die auf einem von Eseln oder Ochsen gezogenen und geschmückten Wagen stand und als Teil der Gruppe mit vor die Jury trat.

Bolivien19Die eigentliche Attraktion des Morgens waren aber die Tänze. Alle Mädels und Jungs, Frauen und Männer, die sich an den Tänzen beteiligten, hatten sich rausgeputzt und trugen die typischen weißen Kleider, die übrigens Tipoy heißen, beziehungsweise weißes Hemd und weiße Hose. So tanzen die Gruppen dann sogenannte Chovenas, das sind Volkstänze, die immer auf denselben mitreißenden Rhythmus aufbauen und bei denen es einem echt schwer fällt, selber noch die Füße still zu halten.

Danach zog es alle noch zu einem Platz, mehr als einen Kilometer außerhalb der Stadt. Der Weg bis dahin, den ausnahmsweise mal wirklich fast alle zu Fuß gingen – Bolivianer sind nämlich sonst eher gehfaul – war natürlich auch von zahlreichen Musikgruppen geprägt, die ihre Chovenas in die Menge schmetterten. Leider blieb uns an unserem Ziel dann keine Zeit mehr, uns umzuschauen, das Mittagessen für alle kocht sich ja schließlich auch nicht von alleine, aber ich glaube, ich kann mit Überzeugung sagen, dass schon der Weg alleine ein kleines Spektakel für sich war.

Die Tipoys, die hier fast jeder besitzt, werden aber natürlich nicht nur zu Feiertagen ausgepackt, sondern immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt, zu tanzen. Und wenn es gerade keinen Feiertag gibt, gibt es ja auch noch die zahlreichen Tanzfeste. Seit meinem letzten Rundbrief gab es davon gleich zwei, die von zwei verschiedenen Schulen organisiert worden sind.

Es gab in einer Woche das „Festival de Danzas Internacionales“ mit Tänzen aus aller Welt und in der darauf folgenden Woche das „Festival de Danzas „Bolivia lo nuestro““ mit traditionell bolivianischen Tänzen, aus den verschiedenen Regionen.

Beim ersten Festival, das von einer deutschen Schule organisiert wurde, war alles, was das Tänzerherz begehrt dabei: Das Repertoire reichte von Chovenas, über Wiener Walzer, bis zum Rock’n’Roll.

Bolivien20Das zweite Festival konzentrierte sich da mehr auf die Kultur Boliviens und war dementsprechend viel spannender und interessanter für uns. Hinzu kam, dass dieses Festival vom Colegio Lotte Salzgeber, auch Granca Hogar genannt, organisiert wurde. Das ist das Gymnasium, das alle Mädels und Jungs aus unseren Casas besuchen.

In dieses Spektakel waren natürlich auch fast alle Schüler mit eingebunden. Schon Stunden vorher wurde noch ein wenig geprobt, die letzten Kostüme wurden fertig gebastelt und zusammengesucht und das Make-Up und die Frisuren perfektioniert, damit der eigene Tanz auch wirklich perfekt wird. Kurz vor Beginn machte sich dann auch so langsam Aufregung breit, aber das gehört ja schließlich auch dazu.

Bolivien21Alle Mädels und Jungs aus unseren Casas haben sich dabei auf jeden Fall super geschlagen und ich für meinen Teil verstehe jetzt glaube ich ein bisschen mehr, wie Eltern sich fühlen, wenn sie ihre Kinder auf einer großen Bühne stehen sehen, irgendwie sind die ganzen Mädels nämlich inzwischen wirklich zu kleinen Schwestern für mich geworden, auf die man auch ganz schön stolz sein kann.

Sooooo, das war schon wieder ganz schön viel zu berichten. Die nächste Zeit wird wieder etwas ruhiger, es geht nämlich jetzt für die Mädels und Jungs mit riesengroßen Schritten auf die großen Sommerferien zu, das heißt für eine von den Mädels Abschlussexamen schreiben, aber auch für alle anderen nochmal für die letzten Examen pauken. Elli und ich genießen in der Zeit die letzten Wochen, bevor die Casa dann für einige Zeit so gut wie leer ist und die viele Sonne, hier wird es nämlich so langsam auch immer heißer.

Ganz liebe und vor allem sonnige Grüße aus der Casa Guadalupe im wunderschönen Bolivien ins herbstliche Deutschland y besos,

Eure Julia

Vierter Rundbrief aus Bolivien

Vierter Rundbrief aus Bolivien

Meine Arbeit im FASSIV – El centro educativo especial

Unter der Woche verbringen Elli und ich unsere Nachmittage im Fassiv. Das Fassiv ist die „Fundación de Ayuda Social San Ignacio de Velasco“, also die Einrichtung für soziale Hilfe in unserem Heimatort San Ignacio.

Bolivien9Diese Einrichtung wendet sich besonders an Menschen (vor allem Kinder und Jugendliche) mit Behinderung und deren Familien. Das Fassiv vereint auf seinem Gelände die verschiedensten Angebote und Möglichkeiten: Neben der Leitung vor Ort gibt es eine Physiotherapie, verschiedene Schulklassen mit verschiedenen Schwerpunkten, eine Schulkrankenschwester,  die Kleinigkeiten wie Stiche oder Kopfweh behandelt und die Gesundheit der Fassiv-Kinder ein wenig im Blick hat, eine kleine Küche, die jeden Mittag einen kleinen Snack für die Schüler zubereitet, verschiedene Werkstätten, in denen die älteren Jugendlichen und teilweise Erwachsene arbeiten können, ein Orchester und einen Chor, in denen Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren und Instrumente erlernen können, eine kleine Wohnung in der eine Familie wohnt und natürlich jede Menge Platz zum Spielen und Toben. Es ist also an alles, was gebraucht wird, irgendwie gedacht.

Ich verbringe meine Zeit an den Nachmittagen in der Klasse von Profesora Marcia Rodríguez, also in der Schule des Fassivs. Der Unterricht hier ist aber nicht nur auf das reine Lernen von Lesen und Schreiben oder Ähnlichem ausgelegt, sondern versucht die Kinder und Jugendlichen da abzuholen, wo sie in ihrer Entwicklung stehen. Auch wird viel Wert auf praktisches Arbeiten gelegt, besonders, wenn es um Herausforderungen geht, die die Kinder im Alltag meistern müssen. Das Wohlbefinden und die Gesundheit und Hygiene des eigenen Körpers spielen dabei zum Beispiel auch eine Rolle. Natürlich ist das etwas, was besonders vom Elternhaus der Kinder geprägt wird. Trotzdem achtet Profesora Marcia bei ihren Schützlingen auch ganz besonders darauf.

Um 14:00 beginnt hier dann jeden Tag recht pünktlich der Unterricht damit, dass erstmal alle auf dem Gelände zusammengesucht werden müssen, eine richtige und laute Schulglocke, wie bei uns in den Schulen, gibt es nämlich nicht. Zum Glück sind die Kurse relativ klein, sodass es meistens nicht allzu lange dauert, bis alle endlich im Raum sind.

Die Klassen sind hier, anders als bei uns, nicht nach Alter oder Jahrgangsstufe eingeteilt, sondern nach der Art der Behinderung, um eine bessere Förderung zu ermöglichen. Das Fassiv insgesamt betreut nämlich Personen mit intellektuellen, visuellen, auditiven und multiplen Behinderungen.

Bolivien10In unserer Klasse, dem Curso 2.1.A  sind 5 Mädchen und 2 Jungs im Alter von 8-18, die gemeinsam lernen und spielen. Der Unterricht hier sieht natürlich auch ganz anders aus, als der, in unseren Grundschulen. Oft beginnt Marcia den diesen mit einem Lied über Wochentage und Wetter, an dessen Ende die richtigen Tafeln für beides gefunden werden müssen und im Klassenraum aufgehängt werden. Ändert sich das Wetter im Laufe des Unterrichts, wird natürlich auch sofort die Tafel geändert.

Da jedes Kind in unserer Klasse eine spezielle Förderung braucht, findet die richtig intensive Arbeitszeit für die Kinder meistens in Phasen des Einzelunterrichtes statt. Das sieht dann so aus, dass Marcia sich mit einem Kind alleine an einen Tisch setzt und arbeitet und die Anderen sich in der Zeit zum Beispiel mit Malen oder einem Puzzle beschäftigen. Ich sitze in der Zeit dann normalerweise bei den Kindern und helfe, oder spiele einfach mit. Hier habe ich auch schon diverse Lieder und Klatschspiele gelernt, die mich dann oft in meinem Kopf noch bis zum späten Abend verfolgen.

In den letzten Wochen haben wir, neben dem normalen Malen und Spielen, viel Zeit mit den vier Farben Rot, Gelb, Grün und Blau verbracht. Immer wieder wurde in diesen vier Farben ausgemalt und es wurden Plakate für jede Farbe gebastelt, auf die verschiedene Dinge in der passenden Farbe gemalt wurden und die im Klassenraum aufgehängt wurden.

Bolivien11Besonders zeitintensiv war das Farbsalz, das wir mit Lebensmittelfarbe selber in die vier Farben gefärbt haben. Viele Nachmittage haben wir damit verbracht, die Farben unter das Salz zu rühren, es zum Trocknen in die Sonne zu stellen, erneut zu färben, damit die Farben auch intensiv werden und es schlussendlich in Schichten in verschiedene Flaschen und Gefäße zu füllen. Besonders das Färben und matschen mit dem Salz hat den Kindern natürlich besonders gefallen. Richtig super war es aber immer erst, wenn nach einer Stunde nicht nur das Salz eine andere Farbe hatte, sondern im besten Falle auch der Tisch, die Hände und das halbe Gesicht, dann sind die begeisterten Rufe kaum noch zu bremsen.

Die Flaschen und Gefäße wurden aber natürlich auch nicht ganz ohne Hintergedanken gebastelt. Der Oktober ist in Bolivien nämlich der „Mes de la Discapacidad“ also der Monat der Behinderung. In dieser Zeit finden, natürlich besonders im Fassiv, viele verschiedene Feste und Ausflüge statt. In der vergangenen Woche gab es gleich zwei davon.

Am Donnerstag kamen deshalb alle Kinder mit ihren Familien und es wurde eine Art Schulfest gefeiert. In jedem Kurs bzw. jeder Werkstatt wurde die Arbeit der letzten Wochen vorgestellt und präsentiert. Bei uns waren das natürlich die vier Farben.

Bolivien12Dazu haben Marcia, ich und ein paar fleißige Mütter den Kursraum zuvor mit bunten Luftballons geschmückt. So entstand in unserem Klassenzimmer eine blaue, eine grüne, eine gelbe und eine rote Ecke. Zu jeder Farbe gab es auch eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken. Es gab blaue Zungenfärber-Lutscher, gelben Maracujasaft und roten und grünen Wackelpudding, der im bolivianischen Stil aus Plastiktüten gelutscht wird.

Marcia stellte dann einigen anderen Lehrern und Eltern unsere Arbeit der letzten Wochen vor. Zum Abschluss gab es natürlich Saft, Lutscher und Pudding für Alle und auch noch ein kleines Glas mit dem gefärbten Salz, als kleines Andenken.

Als Höhepunkt des Tages gab es dann die Mini-Olympiade, bei der die Kinder in verschiedenen kleinen Disziplinen antraten. Einen kleinen Preis, nämlich ein Pil-Frut (das ist ein Saft, der in kleine Plastiktüten abgefüllt ist und aus diesen getrunken wird) gab es dann am Ende für Jeden.

Am nächsten Tag ging es dann direkt mit der nächsten Besonderheit weiter, denn die Kinder blieben zu Hause und nur die Eltern kamen zur Schule. Es war nämlich der Begegnungstag zwischen Lehrern und Eltern.

Eröffnet wurde der jedoch mit einer kleinen weiteren Feier, nämlich dem nachträglichen Geburtstag, beziehungsweise der Ankunft von Pater Michael Heinz, der verantwortliche Steyler in Bolivien.

Bolivien13Nachdem dieser gebührend mit einem kleinen Konzert des Orchesters und einer Torte begrüßt wurde, gingen dann die Spiele der Eltern gegen die Lehrer los. In Disziplinen wie Schubkarrenrennen, Apfel-Wettessen, Sackhüpfen oder Bonbon mit dem Mund aus dem Mehl fischen mussten sich die Lehrer mit verschiedenen Eltern messen. Wie jedes Jahr – mir hat man zumindest erzählt, dass es jedes Jahr so sei- gewannen die Eltern und zur Strafe mussten alle Lehrer einmal durch den Sand des Fußballplatzes rollen.

Bolivien14In der nächsten Woche stehen uns dann auch schon die nächsten Veranstaltungen bevor. In der Mitte der Woche wird es nämlich ein Fest des Fassivs zur Feier des Mes de la Discapacidad auf dem großen Platz in der Stadtmitte geben. Dazu haben wir in den letzten Wochen schon fleißig Kostüme gebastelt- unser Kurs geht nämlich als Marienkäfer.

Am nächsten Tag gibt es dann einen Ausflug mit allen ins Schwimmbad, worauf die Kinder schon seit Tagen hinfiebern.

Von den Ausflügen und anderen Festen, die wir schon erlebt haben, oder die uns noch bevorstehen, werde ich dann in meinem nächsten Rundbrief berichten…

Bis dahin, liebe Grüße und besos de Bolivia,

Eure Julia