Elfter Rundbrief aus Bolivien

Elfter Rundbrief aus Bolivien

Tanta fe, tanto amor, tanta lucha – Patrozinium in San Juan

So viel Glaube, so viel Liebe so viel Kampf…

so könnte man meine Überschrift ungefähr ins Deutsche übersetzen und es geht dabei natürlich mal wieder um ein Fest, nämlich diesmal um den Johannistag, der ja gerade erst hinter uns liegt.

Wir hatten die Möglichkeit, dieses Fest nicht in San Ignacio, sondern in San Juan (St. Johannes) verbringen zu dürfen. San Juan liegt etwa 100 Kilometer von San Ignacio entfernt und gehört zu  San Miguel, und ist damit eine der Steyler Gemeinden hier.

In San Juan gab es deshalb natürlich nicht nur die normalen Feierlichkeiten, sondern es wurde überall noch eine Schippe drauf gelegt, um Johannes als Namenspatron des Dorfes auch gebührend zu feiern, aber mal von vorne:

Bolivien48Am Donnerstagmorgen machten Elli und ich uns auf den Weg nach San Miguel, wo wir von den Steyler Padres freundlich empfangen wurden. Nach kurzem Mitbringsel-für-zu-Hause-shoppen ging es dann mit Padre Alfonso auch sofort weiter. Natürlich stilecht bolivianisch im Geländewagen mit 8 Leuten bei 5 Sitzplätzen. Zumindest war das der Plan. Noch viel stilechter bolivianisch waren nämlich eine Stunde nach geplanter Abfahrtszeit genau 2 von 5 Leuten gekommen. Glück für uns, so hatten immerhin alle ihren Sitzplatz und keiner musste auf der Ladefläche mitfahren.

Nach 1,5 Stunden durch die bolivianische Natur, vorbei an Kühen und noch mehr Kühen, kamen wir endlich in San Juan an.

San Juan ist ein schon fast großes Dorf mit ungefähr 1000 Einwohnern, eigener Schule und recht großem Hauptplatz, an dessen Spitze, wie immer hier in der Chiquitanía, die Kirche liegt.

Gerade aus dem Auto ausgestiegen, wurden wir als Anhängsel vom Padre überschwänglich begrüßt und nach kurzer Pause direkt zum Mittagessen bestellt.

Da zur Feier des Tages natürlich frisch geschlachtet worden war und man ja nicht alle Tage den Padre im Haus hat, gab es natürlich Fleisch. Viel Fleisch.

Nach dem Mittagessen ging es dann direkt weiter in ein kleines und beschauliches Nachbardorf, wo wir uns gemeinsam die gerade neu errichtete Kirche anschauen konnten.

Bolivien49Wieder zurück in San Juan, war ein Teil der Feierlichkeiten schon in vollem Gange. Alle paar Stunden zieht nämlich der Cabildo (eine Art Stadtrat) mit traditioneller Musik zur Kreuzverehrung um die Plaza. Dieser Mini-Umzug endet dabei jedes Mal vor der Heiligenstatue vor der Kirche. Dort wird dann jedes Mal von einem anderen Mitglied ein Teil der Festansprache gelesen beziehungsweise gesungen. Diese Festansprachen sind natürlich auf Chiquitano, der Sprache, die in diesem Teil Boliviens vor dem Spanisch gesprochen wurde, die aber heute leider kaum noch einer der Einwohner richtig versteht, geschweige denn sprechen kann. Nach der Ansprache und einer weiteren Runde des Cabildos um die Plaza geht es dann auf eine kleine Erfrischung zu einem der Mitglieder – auch dabei wird sich natürlich abgewechselt.

Am Abend ging es dann mit den Feierlichkeiten richtig los. Alle hatten den ganzen Tag gearbeitet, sodass die Kirche nicht nur sauber, sondern auch mit vielen Tüchern und Luftballons geschmückt war. Vor der Kirche brannte schon das Holz (warum erfahrt ihr gleich noch), die Bühne für die Live-Band war aufgebaut und die Kinder, die in dieser Nacht getauft werden sollten, steckten in ihren schicksten weißen Kleidern und Anzügen.

Natürlich wurde gemeinsam mit einer Messe begonnen, die mit der Taufe der Kinder endete.

Danach ging es raus auf die Plaza. Bei bolivianisch-winterlichen Temperaturen wurde mit Live-Musik und viel Essen und Trinken gemeinsam auf den Beginn des neuen Tages und damit auf das eigentliche Fest des Patroziniums gewartet. Dazu wurden alle Bänke aus der Kirche getragen und um das mittlerweile nicht mehr allzu große Feuer gestellt, damit auch möglichst viele Leute Platz haben.

Bolivien50Einige Minuten vor 0:00 Uhr wurden dann so langsam alle nervös. Der Cabildo sperrte das Feuer ab und die ersten Schuhe wurden ausgezogen und Hosen hochgekrempelt – Alles Vorbereitungen für die Hauptattraktion dieses Festes: an San Juan wird nämlich über Feuer, beziehungsweise eher die Glut gelaufen. Mitmachen kann dabei jeder, der möchte und wer dabei genug Glaube, Liebe und Kampfgeist mitbringt, bleibt (zumindest der Theorie nach) von bösen Verbrennungen verschont.

Ein bisschen rationaler liegt es wohl hauptsächlich an der Beschaffenheit der Glut, ob problemloses drüber Laufen möglich ist.

Bolivien51In diesem Jahr hat der Cabildo aber zumindest in San Juan gute Arbeit geleistet, sodass pünktlich um 12 die ersten Wagemutigen über die Glut steigen konnten. Insgesamt trauten sich geschätzte 50 Personen, von denen sich (zumindest offensichtlich) kaum einer ernsthaft verbrannt hat. Im Blitzlichtgewitter des Feuerwerks, das natürlich auch zu Ehren des Patrons organisiert wurde, konnte man gespannt dabei zuschauen, wie Einer nach dem Anderen (manch Einer mehr, manch Einer weniger) gemütlich durch die Glut lief. Danach wurde bis spät in die Nacht getanzt.

Am nächsten Morgen ging es natürlich mit einer Messe weiter, an der (nach der langen Feier am Vorabend) erwartungsgemäß nicht mehr so viele Leute teilnahmen. Zuvor musste die Gemeinde aber wegen eines etwas späten Frühstücks des Padres und seiner Gäste (also uns) und einer noch nicht fertig frisierten Braut ein bisschen Geduld beweisen, was hier aber sowieso mehr Gewohnheit, als Besonderheit ist. Gerade wenn es um den Anfang der Messe geht.

Irgendwann hatten sich dann aber alle eingefunden und es konnte das Hochamt und die Trauung zweier Paare gefeiert werden. Danach gab es nochmal eine Prozession und natürlich eine weitere, lange Festansprache auf Chiquitano. Und nach allen offiziellen Feierlichkeiten wurde natürlich gegessen.

Zur Feier des Tages wurden dazu alle Bewohner und Gäste vom Cabildo eingeladen. Natürlich gab es in erster Linie Fleisch, dazu aber auch Reis und Kartoffeln.

Zuerst wurde das ganze Essen aber in riesigen Töpfen auf einen Geländewagen geladen und damit vor die Kirche gefahren, um es zu segnen.

Nach diesem und einem weiteren Mittagessen ging es dann für uns wieder Richtung San Ignacio, um hier abends mit den Mädchen und Jungs gemeinsam zu grillen und dann todmüde ins Bett zu fallen.

Bolivien52Hier in San Ignacio packt uns aber mittlerweile ein bisschen die Wehmut. So langsam aber sicher neigt sich unser Jahr hier dann doch dem Ende zu. Die Tage, bis die anderen Freiwilligen San Ignacio verlassen, lassen sich schon an einer Hand abzählen und so begehen wir schon jetzt die ein oder andere Abschiedsfeier.

Bis zu unserem Abschied bleibt uns hier aber zum Glück noch ein bisschen Zeit, die wir versuchen so gut wie möglich zu genießen.

Jetzt gibt es hier erstmal Winterferien und auch das Patrozinium von San Ignacio wartet noch auf uns.

Bis dahin, macht es gut, genießt den Sommer, wir sehen uns in ein paar Wochen,

Eure Julia