Fünfter Rundbrief aus Bolivien

Fünfter Rundbrief aus Bolivien

¡Fiesta!

Elli und ich leben nun schon eine ganze Zeit hier in Bolivien. Eine Zeit, in der viel passiert ist und ganz besonders viel gefeiert wurde.

Wir haben hier jetzt schon einige Feste der Region und des Departamentos mitbekommen, aber auch Tanzfeste der verschiedenen Schulen und natürlich vor allem alle Feierlichkeiten des Fassivs im Monat der Menschen mit Behinderung Oktober.

Nach dem Tag der offenen Türe im Fassiv, hatten wir letzte Woche volles Programm: Montag war noch ein Feiertag (auf den ich gleich noch genauer eingehen werde), also schulfrei. Am Dienstag wurden dann die letzten Vorbereitungen für den folgenden Tag getroffen. Am Mittwoch erreichte nämlich zumindest der offizielle Teil der Feierlichkeiten seinen Höhepunkt. Alle Kurse hatten sich teilweise schon seit Wochen auf diesen Tag vorbereitet, fleißig gegrübelt, geschnibbelt und geklebt, um rechtzeitig ihre Kostüme für den kleinen Umzug fertig zu haben.

Bolivien15Am Mittwoch selber trafen sich dann alle Kurse deutlich früher als sonst, nämlich schon um 7:30, um der heißen Mittagssonne zu entgehen. Es wurden eifrig alle Kostüme angelegt und es dauerte nicht lange, bis eine kleine Militärkapelle das ganze Treiben im Fassiv musikalisch untermalte. Typisch bolivianisch dauerte es hingegen doch länger als eigentlich geplant, bis alle Schüler und Lehrer anwesend und fertig waren. In der Zwischenzeit blieb dann allen ein bisschen Zeit, die Kostüme der anderen zu begutachten. Unser Kurs war als Marienkäfer verkleidet, mit glitzernden Flügeln und flauschigen Fühlern. Außer uns gab es aber zum Beispiel auch fleißige Bienchen aus der Physiotherapie, Köche, Krankenschwestern, Minions, Mickey und Minnie Maus, und und und…

Gemeinsam (und natürlich mit der Kapelle) zogen wir dann zur Plaza. Spätestens da war ich dann doch ziemlich dankbar dafür, dass diese Veranstaltung am Morgen stattfand. In langen und schwarzen Klamotten, war es nämlich auch vor 9 Uhr schon ganz schön warm. An der Plaza angekommen, wurden gemeinsam noch einige Runden gedreht, bis es in die Mitte des Platzes ging. Dort steht ein kleiner Pavillon, der an diesem Tag natürlich auch Fassiv-gerecht geschmückt war. Hier hielten dann verschiedene Personen, wie zum Beispiel die Leitungen des Fassivs, eine Mutter und verschiedene Stellvertreter von Stadt und Departemento kleine Reden oder Ansprachen, in denen meistens die besondere Arbeit des Fassivs im Allgemeinen und der Profen im Besonderen gelobt wurde. Zwischendurch gab es immer wieder kleine Safttüten, Muffins oder Lutscher für alle Kinder (und natürlich auch für uns) und selbstverständlich auch Musik. Es spielte nämlich nicht nur die Militärkapelle, sondern  auch das Fassiv-eigene Orchester ließ es sich nicht nehmen, ein, zwei Stücke zum Besten zu geben. Dazu wurde selbstverständlich auch ein wenig getanzt, um das ganze Fest ausklingen zu lassen.

Bolivien16Am nächsten Tag folgte dann der eigentliche Höhepunkt für die meisten Kinder, es ging nämlich ins Schwimmbad. Mit jeder Menge wichtigen Utensilien für einen Tag im Freibad, wie Radios, Gartenstühlen und Gartentischen, jeder Menge Soda und einigen kleinen Snacks im Gepäck, trafen sich alle Kinder, teilweise mit ihren Eltern, schon früh am Morgen vor dem Schwimmbad. Dass das Schwimmbad erst circa 1 ½ Stunden später öffnete, war entweder ziemlich bewusst geplant, damit dann auch wirklich alle da sind, oder einfach nicht bedacht-  das lässt sich manchmal einfach nicht so genau beurteilen.

Als die Tore ins kühle Nass sich dann endlich öffneten, strömte natürlich auch Groß und Klein direkt nach drinnen, um sich einen schönen Platz zu suchen. Da hier in Bolivien alle mit Kleidung schwimmen gehen und sich nachher entweder einfach trocknen lassen, oder einen Satz Ersatzklamotten dabei haben, entfällt natürlich das lästige aus- und umziehen und es dauerte auch nicht lange, bis die ersten Wasserratten sich abkühlten.

Nachdem Elli und ich ein bisschen Morgensonne getankt hatten, ging es natürlich auch für uns beide ins Wasser und ich muss sagen, das Baden mit Klamotten hat mich ein bisschen an meine Grundschulzeit erinnert, in der es einmal im Jahr ein Schlafanzugschwimmen gab. Auch wenn das alles ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist und bestimmt auch nicht zum zielstrebigen Bahnenziehen geeignet, macht es doch riesig Spaß, mit den Kids einfach in Klamotten ins Becken zu springen und gemeinsam zu toben. Es war einfach ein wunderschönes Gefühl, so viele Kinder gleichzeitig über beide Ohren strahlen zu sehen, nur weil man mal einen Tag im Schwimmbad verbrachte – es muss eben doch nicht immer der Freizeitpark sein, um einen schönen Wandertag zu haben.

Bolivien17Neben den Festen im Fassiv gab es in der letzten Zeit hier in San Ignacio auch einige Feiertage, wie zum Beispiel den „Dia de la tradicion“. An diesem Tag feiern die Chiquitanos, das sind die Menschen hier in unserer Region, der Chiquitanía, ihre alte Tradition. Wie bei fast jedem Feiertag haben die Schüler keinen Unterricht, sondern sind in die Feierlichkeiten mit eingebunden.

Bolivien18Zur Feier dieses Tages gab es morgens eine Art Wettbewerb auf der Plaza, an denen verschiedene Institutionen, wie beispielsweise die Schulen, aber auch das Fassiv oder Nachbarschaften teilnahmen, und bei dem es darum ging, die beste traditionelle Darbietung zu gestalten. In erster Linie hieß das – wie eigentlich immer – Musik und Tanz. Nacheinander kamen die verschiedenen Gruppen auf der Plaza an, wo sie vor einer Jury und jeder Menge Publikum auftraten. Natürlich wurden für die verschiedenen Tänze keine Mühen gescheut und viele Gruppen traten mit einer Königin auf, die auf einem von Eseln oder Ochsen gezogenen und geschmückten Wagen stand und als Teil der Gruppe mit vor die Jury trat.

Bolivien19Die eigentliche Attraktion des Morgens waren aber die Tänze. Alle Mädels und Jungs, Frauen und Männer, die sich an den Tänzen beteiligten, hatten sich rausgeputzt und trugen die typischen weißen Kleider, die übrigens Tipoy heißen, beziehungsweise weißes Hemd und weiße Hose. So tanzen die Gruppen dann sogenannte Chovenas, das sind Volkstänze, die immer auf denselben mitreißenden Rhythmus aufbauen und bei denen es einem echt schwer fällt, selber noch die Füße still zu halten.

Danach zog es alle noch zu einem Platz, mehr als einen Kilometer außerhalb der Stadt. Der Weg bis dahin, den ausnahmsweise mal wirklich fast alle zu Fuß gingen – Bolivianer sind nämlich sonst eher gehfaul – war natürlich auch von zahlreichen Musikgruppen geprägt, die ihre Chovenas in die Menge schmetterten. Leider blieb uns an unserem Ziel dann keine Zeit mehr, uns umzuschauen, das Mittagessen für alle kocht sich ja schließlich auch nicht von alleine, aber ich glaube, ich kann mit Überzeugung sagen, dass schon der Weg alleine ein kleines Spektakel für sich war.

Die Tipoys, die hier fast jeder besitzt, werden aber natürlich nicht nur zu Feiertagen ausgepackt, sondern immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt, zu tanzen. Und wenn es gerade keinen Feiertag gibt, gibt es ja auch noch die zahlreichen Tanzfeste. Seit meinem letzten Rundbrief gab es davon gleich zwei, die von zwei verschiedenen Schulen organisiert worden sind.

Es gab in einer Woche das „Festival de Danzas Internacionales“ mit Tänzen aus aller Welt und in der darauf folgenden Woche das „Festival de Danzas „Bolivia lo nuestro““ mit traditionell bolivianischen Tänzen, aus den verschiedenen Regionen.

Beim ersten Festival, das von einer deutschen Schule organisiert wurde, war alles, was das Tänzerherz begehrt dabei: Das Repertoire reichte von Chovenas, über Wiener Walzer, bis zum Rock’n’Roll.

Bolivien20Das zweite Festival konzentrierte sich da mehr auf die Kultur Boliviens und war dementsprechend viel spannender und interessanter für uns. Hinzu kam, dass dieses Festival vom Colegio Lotte Salzgeber, auch Granca Hogar genannt, organisiert wurde. Das ist das Gymnasium, das alle Mädels und Jungs aus unseren Casas besuchen.

In dieses Spektakel waren natürlich auch fast alle Schüler mit eingebunden. Schon Stunden vorher wurde noch ein wenig geprobt, die letzten Kostüme wurden fertig gebastelt und zusammengesucht und das Make-Up und die Frisuren perfektioniert, damit der eigene Tanz auch wirklich perfekt wird. Kurz vor Beginn machte sich dann auch so langsam Aufregung breit, aber das gehört ja schließlich auch dazu.

Bolivien21Alle Mädels und Jungs aus unseren Casas haben sich dabei auf jeden Fall super geschlagen und ich für meinen Teil verstehe jetzt glaube ich ein bisschen mehr, wie Eltern sich fühlen, wenn sie ihre Kinder auf einer großen Bühne stehen sehen, irgendwie sind die ganzen Mädels nämlich inzwischen wirklich zu kleinen Schwestern für mich geworden, auf die man auch ganz schön stolz sein kann.

Sooooo, das war schon wieder ganz schön viel zu berichten. Die nächste Zeit wird wieder etwas ruhiger, es geht nämlich jetzt für die Mädels und Jungs mit riesengroßen Schritten auf die großen Sommerferien zu, das heißt für eine von den Mädels Abschlussexamen schreiben, aber auch für alle anderen nochmal für die letzten Examen pauken. Elli und ich genießen in der Zeit die letzten Wochen, bevor die Casa dann für einige Zeit so gut wie leer ist und die viele Sonne, hier wird es nämlich so langsam auch immer heißer.

Ganz liebe und vor allem sonnige Grüße aus der Casa Guadalupe im wunderschönen Bolivien ins herbstliche Deutschland y besos,

Eure Julia