Sechster Rundbrief aus Bolivien

Sechster Rundbrief aus Bolivien

Ein Viertel ist vorbei!

Viele meiner Rundbriefe, die ihr bis jetzt gelesen habt, begannen mit dem Thema Zeit und weil man alte Traditionen ja auch manchmal beibehalten sollte: jetzt sind schon drei Monate um! Das ist schon wirklich eine verdammt lange Zeit.

Mittlerweile bin ich hier so angekommen und lebe so in meinem Alltagstrott, dass ich manchmal schon fast vergesse, dass ich gar nicht von hier bin, dass das gar nicht meine Heimat ist und dass eigentlich alles anders ist als im weit entfernten Deutschland. Und dann weiß ich gar nicht, ob ich mich mehr auf meine Rückkehr nach Deutschland freue, oder ob ich mehr Angst habe, Bolivien dann unglaublich zu vermissen.

Drei Monate sind vergangen, seit dem wir im August in den Flieger gestiegen sind. Mittlerweile ist November. Jedes Mal, wenn ich das Datum genauer betrachte, fällt mir wieder auf: nein, das fühlt sich komisch an. November und Sonne. November und über 30 Grad auf dem Thermometer. November und die großen Ferien, die vor der Türe stehen.

Nur eins scheint überall auf der Welt gleich zu sein: November und die Weihnachtsschokolade steht im Supermarktregal!

Natürlich ist hier seit meinem letzten Rundbrief auch einiges anderes passiert, als dass es jetzt Weihnachtssüßigkeiten gibt und das möchte ich euch natürlich auch nicht vorenthalten:

Unter anderem hatten Elli und ich, gemeinsam mit zwei anderen Freiwilligen aus München und Österreich, die Chance, ein langes Wochenende in Santa Cruz zu verbringen.

Bolivien22Santa Cruz ist die nächste Großstadt hier in Nähe und hat deshalb, gerade zum Einkaufen, einen ganz besonderen Reiz für die Einheimischen. Aber nicht nur zum Einkaufen setzen sich viele eine Nacht in die Flota (so nennt man die Reisebusse hier), auch für sämtliche Behördengänge oder zum Studieren müssen die meisten nach Santa Cruz fahren. Das ist der Grund, warum die Flotas eigentlich immer recht voll sind. Trotzdem lässt es sich, wenn man ein bisschen weiß, worauf man achten muss, ganz gut in den Bussen aushalten. Meistens bekommt man sogar etwas Schlaf. Nichts desto trotz waren wir mehr als müde, als wir um 6 in der Früh dann endlich an unserem Ziel ankamen. Aber ausruhen gibt es nicht! Noch am Vormittag machten wir uns auf den Weg ins Zentrum.

Als Dorfkinder, die Elli und ich nun einmal sind, ist so eine große Stadt schon immer wieder beeindruckend und so eine lateinamerikanische Metropole ist da nochmal um einiges wuseliger, lauter und voller, als man es von europäischen Großstädten gewohnt ist.

Bolivien23Ansonsten weckt Santa Cruz bei uns aber schon fast Heimatgefühle. Alles scheint auf einmal so westlich und fast so zu sein wie in Berlin oder Köln: die Straßenschilder sind auch auf Englisch übersetzt, zwischendurch hört man immer mal ein Lied, was auch zu Hause im Radio lief, es gibt Kaufhäuser und große Supermärkte.

Gerade von Kaufhäusern und riesigen Supermärkten haben zumindest Elli und ich uns aber versucht ein bisschen fern zu halten. So schön das Gefühl zwar auch ist, alles, was das Herz begehrt in sämtlichen Ausführungen in Reichweite zu haben, hat das Einkaufen auf den vielen Märkten doch seinen ganz eigenen Flair. Außerdem gibt es da, an den unzähligen Ständen, viel mehr zu entdecken als in einem gut sortierten Supermarkt.

Leider ist so ein Wochenende viel zu kurz, um alles von einer Stadt zu sehen, auch wenn es nicht allzu viele touristische Attraktionen gibt.

Nichts desto trotz hatten wir ein paar super schöne Tage und haben uns auch von dem vielen Regen hier nicht aufhalten lassen.

Wie es aber nun mal so ist, nach einem kurzen oder auch langen Urlaub, ganz schnell ist man wieder im Alltag angekommen. Der verlängerte sich dann auch noch um eine Woche, weil das Bildungsministerium -eine Woche vor Ferienbeginn- entschied, dass doch noch eine Woche länger unterrichtet werden müsse.

Bolivien24Das warf hier alles etwas durcheinander. Der Unterricht musste umgeplant werden und auch alle Aktivitäten in den Internaten, die noch geplant waren, bevor hier alle zu ihren Familien nach Hause fahren, mussten verschoben werden. Deswegen haben die Mädels jetzt schon während ihrer Schulzeit in den Lernzeiten an den Nachmittagen und Abenden mit ihren Handarbeiten begonnen. Die Hora de estudio benötigen die Mädels im Moment aber auch nicht. Die Noten stehen fest und wegen der spontanen Verlängerung der Schulzeit weiß kein Lehrer mehr so recht, was er mit seinen Schülern machen soll. Und sind wir mal ehrlich, in der letzten Woche vor den großen Ferien ist wahrscheinlich in kaum einer Schule der Welt noch richtig anspruchsvoller Unterricht.

Bolivien25Im Moment befinden sich also alle im Endspurt vor den großen Ferien und natürlich auch vor Weihnachten. Während in Deutschland die ersten Weihnachtsmärkte schon öffnen, alle ihre Lichterketten rauskramen und (wie wir so hören) es auch teilweise schon schneit, ist hier von richtiger Weihnachtsstimmung noch nicht so viel zu spüren, aber wir lassen das Ganze erstmal auf uns zukommen und uns ein bisschen überraschen. Und Zeit, um ein paar Weihnachtsplätzchen zu backen, finden wir bestimmt.

Also, ihr Lieben,
euch und euren Familien wünsche ich erstmal eine unglaublich schöne und besinnliche Adventszeit und natürlich dann auch frohe und noch besinnlichere Weihnachten.

Nach den Festtagen werde ich mich bestimmt nochmal mit Erzählungen über Advent und Weihnachten in Bolivien melden.

Bis dahin, liebe Grüße y besos de bolivia,

Eure Julia