Vierter Rundbrief aus Bolivien

Vierter Rundbrief aus Bolivien

Meine Arbeit im FASSIV – El centro educativo especial

Unter der Woche verbringen Elli und ich unsere Nachmittage im Fassiv. Das Fassiv ist die „Fundación de Ayuda Social San Ignacio de Velasco“, also die Einrichtung für soziale Hilfe in unserem Heimatort San Ignacio.

Bolivien9Diese Einrichtung wendet sich besonders an Menschen (vor allem Kinder und Jugendliche) mit Behinderung und deren Familien. Das Fassiv vereint auf seinem Gelände die verschiedensten Angebote und Möglichkeiten: Neben der Leitung vor Ort gibt es eine Physiotherapie, verschiedene Schulklassen mit verschiedenen Schwerpunkten, eine Schulkrankenschwester,  die Kleinigkeiten wie Stiche oder Kopfweh behandelt und die Gesundheit der Fassiv-Kinder ein wenig im Blick hat, eine kleine Küche, die jeden Mittag einen kleinen Snack für die Schüler zubereitet, verschiedene Werkstätten, in denen die älteren Jugendlichen und teilweise Erwachsene arbeiten können, ein Orchester und einen Chor, in denen Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren und Instrumente erlernen können, eine kleine Wohnung in der eine Familie wohnt und natürlich jede Menge Platz zum Spielen und Toben. Es ist also an alles, was gebraucht wird, irgendwie gedacht.

Ich verbringe meine Zeit an den Nachmittagen in der Klasse von Profesora Marcia Rodríguez, also in der Schule des Fassivs. Der Unterricht hier ist aber nicht nur auf das reine Lernen von Lesen und Schreiben oder Ähnlichem ausgelegt, sondern versucht die Kinder und Jugendlichen da abzuholen, wo sie in ihrer Entwicklung stehen. Auch wird viel Wert auf praktisches Arbeiten gelegt, besonders, wenn es um Herausforderungen geht, die die Kinder im Alltag meistern müssen. Das Wohlbefinden und die Gesundheit und Hygiene des eigenen Körpers spielen dabei zum Beispiel auch eine Rolle. Natürlich ist das etwas, was besonders vom Elternhaus der Kinder geprägt wird. Trotzdem achtet Profesora Marcia bei ihren Schützlingen auch ganz besonders darauf.

Um 14:00 beginnt hier dann jeden Tag recht pünktlich der Unterricht damit, dass erstmal alle auf dem Gelände zusammengesucht werden müssen, eine richtige und laute Schulglocke, wie bei uns in den Schulen, gibt es nämlich nicht. Zum Glück sind die Kurse relativ klein, sodass es meistens nicht allzu lange dauert, bis alle endlich im Raum sind.

Die Klassen sind hier, anders als bei uns, nicht nach Alter oder Jahrgangsstufe eingeteilt, sondern nach der Art der Behinderung, um eine bessere Förderung zu ermöglichen. Das Fassiv insgesamt betreut nämlich Personen mit intellektuellen, visuellen, auditiven und multiplen Behinderungen.

Bolivien10In unserer Klasse, dem Curso 2.1.A  sind 5 Mädchen und 2 Jungs im Alter von 8-18, die gemeinsam lernen und spielen. Der Unterricht hier sieht natürlich auch ganz anders aus, als der, in unseren Grundschulen. Oft beginnt Marcia den diesen mit einem Lied über Wochentage und Wetter, an dessen Ende die richtigen Tafeln für beides gefunden werden müssen und im Klassenraum aufgehängt werden. Ändert sich das Wetter im Laufe des Unterrichts, wird natürlich auch sofort die Tafel geändert.

Da jedes Kind in unserer Klasse eine spezielle Förderung braucht, findet die richtig intensive Arbeitszeit für die Kinder meistens in Phasen des Einzelunterrichtes statt. Das sieht dann so aus, dass Marcia sich mit einem Kind alleine an einen Tisch setzt und arbeitet und die Anderen sich in der Zeit zum Beispiel mit Malen oder einem Puzzle beschäftigen. Ich sitze in der Zeit dann normalerweise bei den Kindern und helfe, oder spiele einfach mit. Hier habe ich auch schon diverse Lieder und Klatschspiele gelernt, die mich dann oft in meinem Kopf noch bis zum späten Abend verfolgen.

In den letzten Wochen haben wir, neben dem normalen Malen und Spielen, viel Zeit mit den vier Farben Rot, Gelb, Grün und Blau verbracht. Immer wieder wurde in diesen vier Farben ausgemalt und es wurden Plakate für jede Farbe gebastelt, auf die verschiedene Dinge in der passenden Farbe gemalt wurden und die im Klassenraum aufgehängt wurden.

Bolivien11Besonders zeitintensiv war das Farbsalz, das wir mit Lebensmittelfarbe selber in die vier Farben gefärbt haben. Viele Nachmittage haben wir damit verbracht, die Farben unter das Salz zu rühren, es zum Trocknen in die Sonne zu stellen, erneut zu färben, damit die Farben auch intensiv werden und es schlussendlich in Schichten in verschiedene Flaschen und Gefäße zu füllen. Besonders das Färben und matschen mit dem Salz hat den Kindern natürlich besonders gefallen. Richtig super war es aber immer erst, wenn nach einer Stunde nicht nur das Salz eine andere Farbe hatte, sondern im besten Falle auch der Tisch, die Hände und das halbe Gesicht, dann sind die begeisterten Rufe kaum noch zu bremsen.

Die Flaschen und Gefäße wurden aber natürlich auch nicht ganz ohne Hintergedanken gebastelt. Der Oktober ist in Bolivien nämlich der „Mes de la Discapacidad“ also der Monat der Behinderung. In dieser Zeit finden, natürlich besonders im Fassiv, viele verschiedene Feste und Ausflüge statt. In der vergangenen Woche gab es gleich zwei davon.

Am Donnerstag kamen deshalb alle Kinder mit ihren Familien und es wurde eine Art Schulfest gefeiert. In jedem Kurs bzw. jeder Werkstatt wurde die Arbeit der letzten Wochen vorgestellt und präsentiert. Bei uns waren das natürlich die vier Farben.

Bolivien12Dazu haben Marcia, ich und ein paar fleißige Mütter den Kursraum zuvor mit bunten Luftballons geschmückt. So entstand in unserem Klassenzimmer eine blaue, eine grüne, eine gelbe und eine rote Ecke. Zu jeder Farbe gab es auch eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken. Es gab blaue Zungenfärber-Lutscher, gelben Maracujasaft und roten und grünen Wackelpudding, der im bolivianischen Stil aus Plastiktüten gelutscht wird.

Marcia stellte dann einigen anderen Lehrern und Eltern unsere Arbeit der letzten Wochen vor. Zum Abschluss gab es natürlich Saft, Lutscher und Pudding für Alle und auch noch ein kleines Glas mit dem gefärbten Salz, als kleines Andenken.

Als Höhepunkt des Tages gab es dann die Mini-Olympiade, bei der die Kinder in verschiedenen kleinen Disziplinen antraten. Einen kleinen Preis, nämlich ein Pil-Frut (das ist ein Saft, der in kleine Plastiktüten abgefüllt ist und aus diesen getrunken wird) gab es dann am Ende für Jeden.

Am nächsten Tag ging es dann direkt mit der nächsten Besonderheit weiter, denn die Kinder blieben zu Hause und nur die Eltern kamen zur Schule. Es war nämlich der Begegnungstag zwischen Lehrern und Eltern.

Eröffnet wurde der jedoch mit einer kleinen weiteren Feier, nämlich dem nachträglichen Geburtstag, beziehungsweise der Ankunft von Pater Michael Heinz, der verantwortliche Steyler in Bolivien.

Bolivien13Nachdem dieser gebührend mit einem kleinen Konzert des Orchesters und einer Torte begrüßt wurde, gingen dann die Spiele der Eltern gegen die Lehrer los. In Disziplinen wie Schubkarrenrennen, Apfel-Wettessen, Sackhüpfen oder Bonbon mit dem Mund aus dem Mehl fischen mussten sich die Lehrer mit verschiedenen Eltern messen. Wie jedes Jahr – mir hat man zumindest erzählt, dass es jedes Jahr so sei- gewannen die Eltern und zur Strafe mussten alle Lehrer einmal durch den Sand des Fußballplatzes rollen.

Bolivien14In der nächsten Woche stehen uns dann auch schon die nächsten Veranstaltungen bevor. In der Mitte der Woche wird es nämlich ein Fest des Fassivs zur Feier des Mes de la Discapacidad auf dem großen Platz in der Stadtmitte geben. Dazu haben wir in den letzten Wochen schon fleißig Kostüme gebastelt- unser Kurs geht nämlich als Marienkäfer.

Am nächsten Tag gibt es dann einen Ausflug mit allen ins Schwimmbad, worauf die Kinder schon seit Tagen hinfiebern.

Von den Ausflügen und anderen Festen, die wir schon erlebt haben, oder die uns noch bevorstehen, werde ich dann in meinem nächsten Rundbrief berichten…

Bis dahin, liebe Grüße und besos de Bolivia,

Eure Julia