Zweiter Rundbrief aus Bolivien

Zweiter Rundbrief aus Bolivien

Meine 17 Schwestern und ganz viel „¡no entiendo!“

Nun sind schon die ersten zwei Wochen in unserem neuen Heimatort San Ignacio de Velasco vorüber. Und ich kann sagen, wir haben uns hier echt schneller eingelebt als gedacht.

Bolivien6Elli und ich kamen am 27. August am frühen Abend in der „Casa Guadalupe“ an. Von neugierigen Blicken der Mädels verfolgt, zeigte uns Don Hugo, der Verantwortliche für das Mädcheninternat, das Haus und unser Zimmer. Elli und ich bewohnen hier gemeinsam ein Zimmer und fühlen uns damit super wohl.

Am ersten Wochenende stand Janko uns zum Glück noch zur Verfügung, konnte alles übersetzen und uns alle Leute vorstellen, die im kommenden Jahr für uns von Bedeutung sind. So fuhren wir am Freitag ins Fassiv. Das ist ein Zentrum für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Dort gibt es Klassen, die unterrichtet werden, ein Zentrum für Physiotherapie und mehrere Werkstätten, in denen die Jugendlichen verschiedene Sachen, wie zum Beispiel Kleidung, herstellen, die dann verkauft werden und so zur Finanzierung des Fassivs beitragen. Nach einer kleinen Führung und einem Gespräch mit der Leitung ging es weiter in die parroquia „Maria Asunta“, die Pfarrei der Steyler hier im Ort, deren Messe die Jungs und Mädels jeden Sonntag besuchen. Hier lernten wir auch Pater Pablo und Pater Bernardo kennen, die hier ebenfalls Ansprechpartner für uns sind und sich sehr viel um uns kümmern.

Am nächsten Tag besuchten wir noch die Pfarrei in San Miguel, einem Nachbarort von San Ignacio.

Bei so einer Tour wird einem besonders bewusst, wie anders es hier eigentlich ist, das fällt einem nämlich – selbst nach so kurzer Zeit – schon fast nicht mehr auf.

Bolivien7Bis nach San Miguel muss man etwas mehr als 30 Kilometer fahren. In Deutschland wäre das alles kein Problem – schnell ins Auto gestiegen und in 20-30 Minuten ist man da. Hier ist das alles ein bisschen anders. Es gibt in der Nähe von San Ignacio kaum asphaltierte Straßen. Das heißt, für so eine Strecke muss man auch mal locker eine Stunde einplanen. Diese 60 Minuten fährt man dann über ruckelige Pisten irgendwo im Nirgendwo, am Straßenrand ist nämlich (außer Kühen) meistens nicht viel zu sehen. Das Ganze hat dann für uns immer ein bisschen den Charakter von Abenteuerurlaub.

Mittlerweile wecken aber auch genau diese roten und sandigen Straßen wahre Heimatgefühle und man hat schon fast vergessen, dass es auch anders geht, beziehungsweise will man das schon gar nicht mehr wissen.

In San Miguel selber waren wir bei einem deutschen Pater zum Mittagessen eingeladen und schauten uns danach noch die Kathedrale von innen an. Von außen sieht sie aus wie eine „ganz normale“ Reduktionskirche der Jesuiten. Von innen hat sie mich allerdings mehr beeindruckt als alle Kathedralen, die ich zuvor gesehen habe zusammen – den Petersdom mit einbezogen! Ich habe noch nie eine Kirche gesehen, die so viel mit Gold und Holz im Altarraum geschmückt ist und ansonsten mit den Malereien auf der weißen Wand so schlicht gehalten ist.

Nach diesen kleinen Ausflügen am Wochenende begann dann für uns am Montag der richtige Alltag in den Casas. Ich verbringe meine Arbeitszeit mit den Mädels, Elli macht parallel immer das Gleiche mit den Jungs in der „Casa San Jose“, dem männlichen Pendant zur „Casa Guadalupe“.

Bolivien8Mein Alltag sieht im Moment so aus, dass ich morgens gegen 6:00 aufstehe, um mit den Mädels ein wenig das Frühstück vorzubereiten um dann gemeinsam zu essen. Während die Mädels in der Schule sind, haben Elli und ich dann auch ein wenig Unterricht, um unser Spanisch weiter zu verbessern. Danach wird gemeinsam mit den beiden Hausleitungen Hugo und Trifonia gekocht. Das nimmt bei einer „Familie“ mit ca. 40 Personen schon mal ganz andere Ausmaße an als zu Hause. Kommen dann die Jungs und Mädels aus der Schule, essen alle zusammen im Hof zu Mittag.

Danach gibt es für uns eine kurze Siesta, bevor wir am Nachmittag ins Fassiv laufen, um dort auch ein wenig mitzuarbeiten. Elli verbringt hier die meiste Zeit in der Physiotherapie und vor allem im Orchester, ich in der Schule. In der Klasse von Profesora Marcia, in der ich zurzeit aushelfe, sind 7 Kinder, die gemeinsam spielen und lernen.

Danach geht es für uns zurück nach Hause. Abendessen und dann die geliebten Hausaufgaben machen. Nach meinen Hausaufgaben in Spanisch, die meistens doch nicht allzu umfangreich sind oder teilweise direkt morgens nach dem Unterricht erledigt werden, helfe ich dann den Mädels ein wenig bei ihren Aufgaben. Das ist auch eigentlich neben dem Kochen unsere Hauptaufgabe.

Danach fallen Elli und ich meistens direkt ins Bett, da das neue und warme Klima, das Lernen und Sprechen einer neuen Sprache und die Arbeit mit den Kindern im Fassiv einen am Ende des Tages doch ziemlich müde macht.

Mit dem Spanisch geht es hier zum Glück schnell voran und das 1 Jahr Spanischunterricht in der 10ten Klasse hat mir anscheinend doch mehr Sprachgefühl mitgegeben als ich dachte. Natürlich fehlen uns unendlich viele Vokabeln, die Grammatik ist auch eher schlecht als recht und die schnelle und undeutliche Aussprache der Bolivianer macht das Ganze nicht einfacher. Aber wir kommen durch, und ich habe das Gefühl es wird von Tag zu Tag besser. Das ¡no entiendio! (Ich verstehe nicht) brauchen wir auch immer seltener und selbst wenn, haben besonders die Mädels und Jungs auch die Geduld, Sätze eine Millionen Mal zu wiederholen, bis wir sie wirklich verstanden haben.

Insgesamt fühlen Elli und ich uns sehr wohl! Es fühlt sich an, als wären wir in eine große Familie aufgenommen worden – mit 17 Schwestern und 14 Brüdern. Das Zusammenleben tut uns echt gut und gibt uns die Möglichkeit auch schnell enge Beziehungen aufzubauen und uns viel auszutauschen. Dadurch, dass wir hier in alles eingebunden sind und sehr viel beschäftigt sind, bekommen wir auch einen einzigartigen Einblick in den Alltag, die Ausbildung und die Kultur der Mädels und Jungs, die uns auch an allem teilhaben lassen.

Ein riesiger und wichtiger Teil der Kultur ist, besonders für meine Mädels, die Musik und das Tanzen. Hier läuft in jeder freien Minute Musik und es wird getanzt. Beim Kochen und Arbeiten eher wenig und nebenbei, oft aber auch gemeinsam. Bis jetzt stellen Elli und ich uns bei den lateinamerikanischen Tänzen eher mittelmäßig gut an und haben uns mit unserer Demonstration, wie man in deutschen Diskos tanzt, auch ein wenig blamiert. Aber nach einem Jahr intensivstem Training, um das man hier sowieso nicht herum kommt, haben bestimmt auch wir den lateinamerikanischen Hüftschwung drauf, der den Mädels glaube ich tatsächlich im Blut liegt. In den nächsten Tagen werden wir aber bestimmt auch mal die Rollen tauschen und mit Helene Fischer und Pur versuchen Discofox zu tanzen. Ich bin jetzt schon gespannt, wie sich die Mädels dabei anstellen werden, auch wenn ich mir eigentlich fast sicher bin, dass es nichts desto trotz besser aussehen wird, als wir beim Brasileiro.

Von unserem kleinen Tanz-Experiment und unseren Trainingsfortschritten werde ich dann bestimmt beim nächsten Mal berichten können!

 Bis dahin, ¡hasta luego! y besos de bolivia

 Eure Julia!