Zwölfter Rundbrief aus Bolivien

Zwölfter Rundbrief aus Bolivien

Auf der Steyler Farm und San Ignacios Jahrestag

Hallo Ihr Lieben,

wie ich in meinem letzten Rundbrief angedeutet habe, hatten hier die Schülerinnen und Schüler gerade zwei Wochen Winterferien. In der ersten Woche der beiden waren die Casas allerdings noch nicht ganz leer. Jedes Haus wurde in zwei Gruppen unterteilt und hat jeweils drei Tage in der Casa verbracht.

In den drei Tagen wurde natürlich ein bisschen im Haus gearbeitet. Aber auch auf der Steyler Farm mitangepackt.

Die Steyler Farm, die hier Alle nur Estancia nennen, befindet sich circa eine Stunde mit dem Auto durch Wald, Feld und kleine Dörfer von San Ignacio entfernt. Dort haben die Mädels und Jungs eine Art Feld, auf dem sie fleißig mithelfen sollen, um früher oder später von den Früchten der eigenen Arbeit (zumindest teilweise) zu leben. Damit das in Zukunft einfacher möglich ist, haben die Steyler ein kleines Haus mit einigen Zimmern gebaut, in dem die Mädchen und Jungs unterkommen können, wenn es zum Arbeiten auf die Estancia geht.

Bolivien53Mit der ersten Gruppe ging es also los – für zwei Tage und eine Nacht auf die Estancia. Da das Haus ganz neu ist, musste natürlich alles mitgenommen werden. Angefangen bei Klamotten und Dingen des persönlichen Bedarfs, über Geschirr und Töpfe, bis hin zu Matratzen und natürlich Verpflegung für zwei Tage. Stilecht bolivianisch passt das und alle Passagiere natürlich in, an und auf zwei Geländewagen.  Dann ging es los. Die erste Gruppe vor Ort beschäftigte sich noch hauptsächlich mit Putzarbeiten rund um das Haus. Die drei folgenden Gruppen der nächsten Tage mussten dann aber mit  Arbeiten wie Streichen der Duschen und Bäder, Lackieren der Türen, dem Bau eines Volleyballfeldes und eben auf dem Feld richtig anpacken.

Bolivien54Für mich hatte das ganze eher den Charakter eines Abenteuerausfluges. Zumindest ein wenig. So genießen wir hier in der Casa zum Beispiel doch den Luxus eines Gasherdes. Auf der Estancia wird aber noch richtig auf Feuer in der Freiluftküche gekocht. Das ganze bereitete mir dann doch ein bisschen mehr Schwierigkeiten als gedacht. Aber zum Glück hatte ich ja immer eines der Mädels an meiner Seite, die mir da mit Tatkraft und Fachwissen zur Seite standen. Am Ende glückte uns dann gemeinsam doch jedes Mittag- und Abendessen.

Am Abend wurde dann gemeinsam am Lagerfeuer entspannt. Bei Kartoffeln und Chickenwings frisch aus dem Feuer wurde, teilweise bis zu später Stunde, noch gequatscht, gealbert und erzählt.

Bolivien55Zurück in der Casa gab es aber natürlich auch noch einiges zu tun. Auch hier wurden alle Zimmertüren neu lackiert, viel geputzt und aufgeräumt oder einfach in Ordnung gebracht. Einige der Mädels beschäftigten sich auch mit Nähen und fertigten in der Zeit viele Topflappen an, die verkauft werden und deren Erlös natürlich der Casa zukommt.

Ich habe in der Zeit auch wieder die meiste Zeit in der Küche verbracht und mich insgeheim das erste Mal über unseren alten und eigenwilligen Gasherd gefreut.

Bolivien56Nebenbei ging es dann auch ein wenig ans Rucksack packen. In der zweiten  Ferienwoche ging es nämlich für die Mädchen nach Hause und für Elli und mich in den Urlaub. Diesmal konzentrierten wir uns auf unserer Reise ganz auf Bolivien und besuchten fast ausschließlich das Hochland und lernten so ein ganz anderes Gesicht von Bolivien kennen. Von Potosi ging es für uns nach La Paz, von dort zum Titicacasee und zu guter Letzt drei Tage lang durch die Uyuniwüste.

Nach zwei dann doch anstrengenden Wochen kamen wir dann am Sonntag wieder in San Ignacio an. Diesmal jedoch mit dem Wissen: jetzt bleiben uns noch genau 14 Tage an diesem Ort. Diese galt und gilt es natürlich voll auszunutzen. Zum Glück spielt uns das Schicksal mal wieder ein bisschen in die Hände und es gab und gibt noch einiges zu erleben.

Bolivien57Nach einer Schulwoche voller Alltag und ersten Vermissensbekundungen war dieses Wochenende das Patrozinium von unserem Heimatstädtchen San Ignacio de Velasco. Wie Alles hier wurde dieses Fest natürlich groß gefeiert. Schon seit Montag gab es zum Beispiel jeden Abend eine Rosenkranzandacht und kleine Messe zu Ehren des hl. Ignatius, um sich auch geistlich voll auf das Wochenende einzustimmen. Die ganze Woche war dann schon gespickt von Vorbereitungen und Plänen, um am Wochenende zu feiern.

Für mich begann das richtige Fest dann eigentlich am Freitagnachmittag. Da ging es (statt Unterricht) mit meinem Kurs aus dem FASSIV auf die Plaza. Begleitet wurden wir auch noch von zwei anderen Kursen.

Bolivien58Gemeinsam ging es dann zu Fuß ins Zentrum. Hier war zwar noch nicht viel los, aber die ersten Stände, die Schmuck, Bücher, Kinderspielzeug, Kuscheltiere und Co. verkauften, waren schon aufgebaut. Nach ausgiebigem Angucken gab es dann für jedes Kind Kaugummi aus dem Kaugummiautomaten (was ein echtes Highlight war) und eine kleine Überraschung aus dem Lostopf. Dabei konnten die meisten ihr Glück schon kaum fassen. Begeistert wurden die Ohrringe, Ketten und Armbänder angelegt und stolz präsentiert. Als kleines I-Tüpfelchen  gab es dann von einem Eismann auch noch einige Eis ausgegeben, die natürlich brüderlich geteilt wurden.

Danach ging es noch eine Weile in die Kathedrale, in der gerade das FASSIV Orchester für das Konzert am Abend probte. Nach einiger Zeit des Lauschens ging es dann auch schon wieder zurück ins FASSIV und der Schultag war beendet.

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Gerade solche kleinen Ausflüge zeichnen für mich die Arbeit im und mit dem FASSIV und die Besonderheit dieser Institution aus. Denn auch wenn San Ignacio eine der wenigen Städte Boliviens ist, die durch den Einfluss des FASSIV einen recht offenen Umgang mit Menschen mit Handicap oder Behinderung pflegt, nehmen viele Eltern ihre Kinder nicht mit in die Öffentlichkeit, sei es aus Scham, Desinteresse oder einfach aus Bequemlichkeit. Gerade da knüpft das FASSIV mit seinen Lehrerinnen und Therapeutinnen an. Durch einfache Präsenz zum Beispiel auf der Plaza wird auf beiden Seiten sensibilisiert. Der Umgang der Menschen mit diesen Kindern ändert sich und auch die Kinder nehmen was mit. Sie kommen mal raus, haben riesig viel Spaß und lernen, wie sie sich in der Öffentlichkeit verhalten sollten. Gerade weil einige Kinder, um im FASSIV gefördert zu werden, nicht bei ihren Eltern und Familien wohnen, ersetzen solche Aktivitäten natürlich auch ein bisschen das Familienleben, was viele Kinder wirklich stark vermissen.

Mit den Feierlichkeiten in San Ignacio ging es für mich dann am Samstagabend weiter. In der Stadt wurde gefeiert. Mit Live-Musik, Talentwettbewerb, Krönung der Königin des Festes, Orchestermusik und natürlich mit einem großen Feuerwerk um 00:00.

Bolivien60Am Sonntag ging es dann weiter mit der Messe. Wie in San Juan (aus meinem letzten Rundbrief) gab es hier zum Patrozinium natürlich auch die Heiligenverehrung, bei der die Heiligenfigur in einer Prozession nach der Messe durch die Stadt getragen wurde. Das ist jedes Mal wieder ein riesiges Spektakel mit Blasmusik und allem was dazu gehört, an dem wahnsinnig viele Leute teilnehmen.

Damit liegt unser vorletztes Fest und Wochenende hier in San Ignacio dann jetzt auch schon hinter uns.

Vor uns liegt nun eine Woche voller letzter Male und Verabschiedungen, die mit Sicherheit schwer wird, die ich aber auf jeden Fall noch in vollen Zügen genießen will. Gleichzeitig wächst aber auch die Vorfreude auf alles und alle zu Hause immer mehr. So kann ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die Zeit, die hinter mir liegt, auf die Zeit, die mir noch bleibt und auf die Zeit, die danach kommt schauen und mein Da-Sein einfach ein bisschen genießen.

In wenigen Tagen werde ich mich dann mit einem letzten Brief aus Bolivien melden, bevor wir uns in Deutschland wiedersehen!

 Bis dahin, liebste Grüße aus Bolivien,

 Eure Julia

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